Jayme Santo Souza

DRITTE WELT SEGLER IM SCHLARAFFENLAND

Reflexionen eines Segler über den Schiffskauf in Europa

Als ich beschloss, ein neues Boot zu kaufen, um in Europa zu segeln, lag die Entscheidung nicht mehr fern, mein nächstes Schiff in Deutschland zu kaufen. Die Faktoren für meinen Entschluss sind schnell erzählt: Qualität, Robustheit und Preis haben das Rennen gemacht, zumal, wenn man andere Grosswerften zum Vergleich herangezogen hat. Aus eigenen Erfahrungen sowie Berichten anderer Segler, die sich für brasilianische Schiffe entschieden und Anzahlungen geleistet hatten, gleichwohl eine Odyssey haben durchstehen müssen, und am Ende ihr Schiff nie bekommen hatten, weil die Werft sich durch Konkurs der Verantwortung entzogen hatte, wollte ich auf Nummer sicher gehen und mein Geld nicht verlieren. Der System Wechsel im politischen Betrieb hatte Korruption zunehmend institutionalisiert, begleitet von zugesicherter Straffreiheit für Betrüger jeder Art. In einem derartigen Klima einen Kaufvertrag mit einer Werft zu schliessen, gliche einer Lotterie, deren Ausgang in jeder Tageszeitung nachzulesen gewesen ist. Segelyachten und deren Besitzer wurden und werden durch eine sozialistische Staatsmacht stigmatisiert, für deren Aktionen und Entscheidungen in der breiten Bevölkerung massenhaft Claqueure zu finden sind. Für einen Segler können die Resultate fatal sein, da er sich dem System willig zum Frasse vorwirft.

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Als zwangsläufige Folge dieser Politik, die für Boote zudem eine Sondersteuer von 125% beschlossen und schwere bürokratische Hürden aufgebaut hatten, besitzen Werften einen überaus schweren Stand. So ist heute nur eine namhafte Werft übrig geblieben, deren Schiffe qualitativ im internationalen Vergleich, nach meinem Dafürhalten, kaum Wettbewerbs fähig sind, von den Preisen hier nicht zu reden.

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Ich entschied mich zunächst für einen BAVARIA 38, dieses Boot erschien ideal für unsere Pläne geeignet. Meine erste Überraschung war, dass das Boot nicht vom Hersteller verkauft wurde, hingegen ich mit einer Werftvertretung zu verhandeln hatte. Mein Misstrauen war geweckt, weil die Werft recht offenbar jede Haftung in Bezug auf qualitative Mängel und Nachbesserungen auf ihren Vertriebspartner abgewälzt hatte. Ich hätte es vorgezogen, direkt mit der Werft meinen Vertrag abzuschliessen, anstelle eines komplizierten Umwegs über einen Handelspartner. Zum Glück habe ich einen ehrlichen Handelspartner zum Gegenüber gehabt, ich wäre ansonsten in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Allerdings hat es einige Probleme nach der Auslieferung gegeben, die mich erheblich Zeit und Nerven gekostet haben. So hat mich die Nachbesserung des Autopiloten einen ganzen Monat gekostet, für den ich im Hafen habe liegen und die Liegegelder habe selbst bezahlen müssen.

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Ansonsten habe ich mit meinem Händler Glück gehabt. Nachdem wir das Problem am Boot gelöst hatten, erwies es sich über 9000 Meilen incl. einer Atlantiküberquerung als einwandfrei. Nach dem Verkauf entschied ich mich dieses Mal eine HANSE 385i und habe den gleichen Händler kontaktiert.

Der Abschluss des Kaufvertrags über Handelsfirma verlief ähnlich, allerdings habe ich beschlossen, das Boot in der Werft in Greifswald direkt abzuholen. Es hat mich zwei volle Monate gekostet, bis alle technischen Probleme und Nachbesserungen erledigt waren. Im Gegensatz zur BAVARIA 38, die in Portugal ausgeliefert wurde, wurde die Übergabe durch einen Beauftragten der Werft durchgeführt.

Die Übergabe beinhaltete zahlreichen Fragen und Kontrollen. Allerdings war man offenbar mehr interessiert, mich mit den Gegebenheiten des Wohnbereiches vertraut zu machen, als mit den elektronischen, mechanischen Einrichtungen wie z.B. Großsegel Reff Anlage, Motor usw.

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Immerhin hat es einige Wochen gedauert, bis alle Probleme gelöst werden konnten, wobei mein Vertragshändler mehrfach hat eingreifen müssen. Für einen Segler, der die Landessprache nicht beherrscht, ein Nerv zehrendes Unterfangen. Ich sollte darauf hinweisen, dass ein Kunde ohne seglerische Erfahrung, durchaus große Schwierigkeiten hätte bekommen können, wenn er ein Boot übernommen hätte, das ihm als segelklar übergeben ist, wenn dies nicht den Tatsachen entspricht. Keinesfalls bedeutet ein Neukauf, dass ein technisch einwandfreies Schiff übergeben wird, das ist meine Überzeugung.

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Nach Verlassen der Werft, acht Wochen später, segelte ich über 4000 Meilen mit diesem Boot ohne Probleme. Einige Jahre später ( 2016 ) wechselte ich für eine HANSE 41.5. Das Geschäft erwies sich als zu verlockend, da die Werft einen erheblichen Abschlag auf den Endpreis zugestanden hatte, zudem meine HANSE 385 im gleichenZug einen neuen Eigner gefunden hatte. So haben wir uns, nach einem Winter in der Heimat in Brasilien, im Frühjahr 2016 dann wieder im kalten Greifswald eingefunden um unsere neue Hanse 41.5 zu übernehmen. Die Übergabe wurde von den gleichen, uns bereits bekannten, Technikern vorgenommen. Dieses Mal ging alles ein wenig schneller, weil ich die Ausreden und die Leute, bereits kannte und zudem die Schiffe sehr ähnlich gewesen sind und ich zu Problem Lösungen selbst besser beitragen konnte. Nach sechs Wochen waren wir klar zum Auslaufen.

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Allerdings haben wir einen schweren Fehler in der Bord Elektrik überstehen müssen, der bei Übernahme nicht zu erkennen gewesen ist. Durch fehlerhaft Verkabelung konnten die Service Batterien nicht geladen werden. Unglücklicherweise überraschte uns der völlige Blackout im Bordnetz bei einsetzender Dunkelheit im Kiel Kanal, wenige Kilometer vor Brunsbüttel. Wir haben den Hafen ohne jegliche Beleuchtung, nur mit Taschenlampe und unter Polizei Aufsicht erreicht, wo wir den freundlichen Beamten die besondere Situation unter Deck bei uns haben erklären müssen. Der Schaden wurde nach Rücksprache mit dem Hersteller in Wedel behoben.

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Unser Eindruck von HANSE: Konstruktion des Schiffes, Bauausführung, verwendete Komponenten und Materialien sind von guter Qualität. Endmontage, Nachbesserungen und Übergabe hingegen lassen weiten Raum an Verbesserungen. Was wir im Verlauf von insgesamt 14 Wochen haben in Greifswald erleben müssen, ist nur durchzustehen mit guten Nerven und als Rentner, für den Zeit in besonderem Masse nur noch eine geringe Rolle spielt, weil er davon genügend zur Verfügung hat … und die Wartezeiten mit einem Leihwagen überbrücken kann, um ein schönes Stück von einem unbekannten Land, in Ruhe zu erkunden.

Jayme Souza
SV Ximbica, Lisboa im August 2016

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