Stephanie

DIE GESCHICHTE EINER STOLZEN ANFENGERIN + STARKEN MUTTTER

Dies ist die Kurzversion einer langen Familiengeschichte, deren trauriges Ende der Beginn einer Freundschaft ist. Am 30.06.2017 haben meine Frau und ich Stephanie in Fehmarn dabei geholfen, ihre HR 352 zu „verautomatisieren“, damit sie auf See die Hände frei bekommt, für eine Herausforderung der besonderen Art. Wir haben diese fröhliche Frau innerhalb von Sekunden in unsere Herzen geschlossen. Unsere Bewunderung für diese zarte aber so toughe Tiroler-Woll-Mützen-Tigerin ist seither atemlos gewachsen.

Stephanie, von Haus aus eine verwegene Pisten Jägerin und Bergsteigerin aus Tirol, hatte es – der Liebe wegen – für etliche Jahre nach Kalifornien verschlagen. Mit grossem Gepäck und drei kleinen Söhnen, ist sie später alleine zu ihrem Vater ins Elternhaus zurückgekehrt, um ihre Jungs fortan alleine grosszuziehen. Durch Ehescheidung ging ihr der Älteste, Noah damals 13 Jahre alt, verloren. Er wollte und sollte fortan beim Vater in Berlin aufwachsen.

Das Drama, der dann folgenden drei Jahre bis heute, schildert Stephanie drastisch und ehrlich, keine Spur davon, hier die Fakten zu schönen. Noah wurde wiederholt Straf fällig, wurde Drogen abhängig und lebte lange Zeit auf der Strasse – landete mehrfach in staatlicher Obhut u.a. wg. schwerem Raub. Das Verhältnis zum Vater entwickelte sich negativ, Noah landete in der geschlossenen Station. Unter grossen Mühen hat Stephanie es geschafft, die Behörden davon zu überzeugen, dass ein längerer Aufenthalt auf See unter gänzlich anderen Umständen – im Schoss einer funktionierenden Familie – vielleicht ein Ausblick sein könnte, Noah zurück auf einen Weg in eine bessere Zukunft zu bringen. Dies war der Ausgangspunkt Anfang Juli dieses Jahres.

Für eine Tirolerin, für die Segeln bislang ein Sport für Aliens gewesen ist, die das Kreuzen gegen den Wind heute noch als „Zick-Zack-Segeln“ und das Anlegen im Hafen „Parkieren“ nennt, ein kalter Sprung in eiskaltes Wasser. Notwendige Segelscheine, Sprechfunkzeugnisse und theoretische Abläufe für das Verhalten auf einem Schiff, wurden furios und in Windeseile absolviert. Zum Glück haben die Voreigner der SV Makaio, die Schweizer Nina und Ken enorm geholfen.

Die Zeit drängte, Noah sollte am 1.Juli unter strengen Auflagen aus der Entzugsklinik entlassen werden, dem Beginn der Sommerreise, die eine Reise in den Herbst werden sollte.

Hier unser Mailwechsel vom 01.07.2017

Hallo Peter, Hallo Marzena,
Erst jetzt komme ich endlich mal dazu, euch ein paar Zeilen zu schreiben. Ich war/bin total fleissig und die Vorbereitungen gehen ganz gut voran. Aufräumen, putzen, einkaufen und Fächer vollstopfen, ausserdem Antifouling anstreichen, Gelcoat polieren und ich habe (wie Nike) einen „Kaltstart“ in 12V Elektronik gemacht (dank youtube) und in Eigenregie das AIS und ein neues UKW Gerät installiert, wofür ich einige Löcher bohren, Durchgänge sägen und die Navi Ecke so halb auseinanderbauen musste und – ein KoAx Antennenkabel löten… Werde jetzt noch die Nähmaschine auspacken und ein paar Ausbesserungen an Stoffsachen machen. Und vielleicht endlich mal Gitarre spielen. Jedenfalls alles auf Schiene, hauptsächlich dank euch, denn der Windpilot wäre sicher noch nicht dran, wenn ihr das nicht für mich gemacht hättet. Am Montag oder Dienstag geht s ins Wasser… Bis dahin schlaf ich im Auto, esse Fischbrötchen und Bananen und habe Dreck unter den Fingernägeln. Ich freue mich schon sehr, wenn bald die Kinder kommen und dann hoffentlich alles bereit ist und das Projekt „Noah“ losgehen kann. Werde nächste Woche mit Jan Pfister telefonieren, der fährt mit einem Schweizer Schiff mit straffälligen Jugendlichen und kann mir hoffentlich ein paar Tipps geben.

Ich bin total dankbar für all diese Erfahrungen. Geniesse die Zeit alleine und mit all diesen technischen Herausforderungen. Euch kennengelernt zu haben, ist alleine schon die ganze Reise wert 🙂
Ich halte euch auf dem Laufenden, wie sich die Dinge hier so entwickeln…
Jedenfalls habt ihr eure gute Aura bei mir gelassen, fühl mich gar nie alleine in dieser grossen, dunklen (und seit gestern nassen) Halle und habe meistens ein Lächeln auf den Lippen. (und ich binde die Leiter jetzt immer an, was – danke Peter! – mich in den letzten paar Tagen sicher schon eine Handvoll Mal vor einem Sommer mit Gips bewahrt hat.)

Drück Euch und bleibt wie ihr seid, ihr seid grossartig!!!!
Stephanie

P.S: ich hab kein Problem, wenn unsere Geschichte nach draussen geht. Unsere Geschichte ist, wie sie ist und ich werde mein bestes geben, die Richtung zu ändern in eine gute (straf- und drogenfreie) und spannende Zukunft für Noah. Ich hoffe es gelingt, jedenfalls werde ich euch berichten, wie es läuft. Im Moment sieht es so aus, als ob ich Noah in Bad Säckingen (Entzugsklinik, wo er die letzten 2 Monate war und derzeit ist) in Süddeutschland, an der Schweizer Grenze selber abholen muss. Und da wir am nächsten Montag eigentlich von Fehmarn Richtung Dänemark loswollen, werden es wohl noch einige tausend Kilometer on the road.
Genau kann man aber nicht planen, weil sich irgendwie alles ständig ändert – scheint System zu haben 🙂

Melde mich bald wieder, hoffentlich dann direkt von Bord vom Wasser.
Drück Euch!
Stephanie

Unsere Antwort vom gleichen Tag:

Liebe Stephanie,
das sind Zeilen, die unsere Herzen erwärmen, wie es sie heute viel zu selten gibt, weshalb solche Reaktionen umso wertvoller sind – jedenfalls für uns.

Es hat Spass gemacht mit Dir, mehr noch: wir bewundern Deine Kraft und Energie, die scheinbar so mühelos von einer so zierlichen Person liebevoll erbracht wird, die nur Fischbrötchen und Schlaf zu brauchen scheint …. Unser Kompliment!

Wir werden Dein Experiment begleiten und beobachten, gern darüber berichten, weil wir Dich bewundern für Deine Tatkraft, hier eine erkennbare hard core Anstrengung zu initiieren, die ihresgleichen sucht.

Bitte halte uns auf dem Laufenden über den Gang der Dinge, lass uns wissen, wann deine Erbengemeinschaft dann „komplett“ eintreffen wird…. Vielleicht ergibt es sich, dass wir nochmal einen Haken nach Fehmarn schlagen, um Dich samt Deiner Familie zu treffen.

Sei lieb umarmt … und gedrückt
Marzena + Peter

Nun sind bereits einige Wochen vergangen, in deren Verlauf ich Stephanie´s aufregenden Erfahrungen regelmässig hier gepostet habe. Wir haben im Verlauf der Reise immer wieder einen kleinen Schutzengel aufsteigen lassen, wenn es darum gegangen ist, ein paar schnelle Ratschläge vom Stapel zu lassen, z.B: die Besonderheiten der Tiden Segelei, Wind- und Wetter Sperenzchen in der Nordsee als Mordsee, und der so gänzlich anderen Welt in den friesischen Gewässern … wo Stephanie zwischenzeitlich mit den ganzen Familie inklusive Ihrem Vater, angekommen und von Hafen zu Hafen die MAKAIO durch den Schlick weiterschiebt. Egal, wie und wann es dabei weitergeht, aber das Endziel wird Kroatien sein, ob noch in diesem Jahr, oder mit Unterbrechungen, jedenfalls bekam ich gestern diese Zeilen, nachdem Stephanie Probleme mit dem Motor hatte, was sich als eigene Doofheit selbst entlarvte: irgendwer hatte nämlich den Dekompressions Hebel nicht wieder zurückgeschoben.

Hallo Peter.
Ja, Anfängerfehler, mit dem Motorhebel, da hast Du recht. Wir haben uns alle inkl. Mechaniker kaputtgelacht!!! Dass das erst jetzt passiert ist, ist eh ein Wunder. ICH BIN ANFÄNGER!!!
Und Neptun lehrt mich. Und Rasmus. Und Du. Und diese vielen kleinen Dinge, die passieren. ICH LERNE!!!!!!!!!!! Und das fühlt sich so lebendig an. Irgendwie ein gutes Gefühl, obwohl ich mich manchmal vielleicht recht blöd anstelle, aber ich bin Frau, klein und schwach und kann mittlerweile Schneeketten ans Auto machen und hab es mit dem besten Schiff der Welt immerhin von Fehmarn bis nach Holland geschafft… Bin gerade ein stolzer Anfänger!!!

Und das beste ist, dass es mit Noah so gut läuft. Ganz normal ist er nicht, aber den Umständen entsprechend ist er eigentlich doch fast normal. Jedenfalls war das die beste Idee überhaupt, den Jungen auf ein Schiff zu packen. Gut, dass mir das noch eingefallen ist, rechtzeitig.
Und bloss gut, dass ich Euch noch getroffen habe, gerade noch rechtzeitig. Weil Hamburg liegt jetzt schon im Kielwasser.
Egal, wir MÜSSEN uns bald wiedersehen. Ich vermisse Euch schon so!!!!
Stephanie

Die Geschichte der Reise von der liebenswerten Tiroler Wollmützenmaus wird hier weiter gehen – versprochen!

Peter Foerthmann

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