Vassilingalou – Das Rad

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Jeden Tag den gleichen Weg. Ein dünner Pfad aus Gewohnheiten, kleinen Lastern und großen Ängsten. Die gleiche Uhrzeit, das gleiche Fenster, der gleiche Regen, der gleiche Schmerz. Jeden Tag das gleiche Leben.

Am Bürgersteig liegt ein Fahrrad. Ein rost-grünes. Es stand zuvor schon Monate lang voller Erwartung auf seinen Christopher-Robin*. Vergeblich. Verbitterte Haltung, trüber Blick, Trauer. Der letzte Nervenausbruch des Windes hat es um geschmissen. Oder war es der Frust der verliebten Rotznase von nebenan? Wie dem auch sei, es versperrt den halben Gehsteig und nur wenige trauen sich an ihm vorbei.
Es liegt schon seit einiger Zeit dort und alle Versuche sich wieder die Wand hoch zu stemmen bleiben erfolglos. Es ist ja ein altes. Das raue Klima hat ihm alles abverlangt. Jede Schönheit und Stolz sind gewichen und sein armseliges Skelett zittert unmerklich in der schneidenden Kälte.
Andere – neue und laute und glänzende – haben jetzt das Sagen.
Andere lassen jetzt die feuchte Luft um ihre Bremsen pfeifen.
Andere sind jung und es ist deren Zeit!
Und trotzdem ist es noch da. Ein Bisschen Luft, vielleicht ein nettes Wort und eine Klingel und der ganze Rost, ja sogar alle missachtenden Blicke, alle Tritte, wären vergessen.

Als sich eines Abends mein Gemüt auf seiner Augenhöhe befindet und hinter mir die nassen Trottoir-platten her schlurft, bleibe ich neben ihm stehen. Also gut, ich mach’s! Ich helfe ihm aufstehen, richte den Sattel, den Lenker und es lehnt sich lässig an die Wand. Gute Nacht!
Am nächsten Morgen schon grüßen wir uns freundlich und irgendwie hat alles seine Richtigkeit, denn es guckt frech vor sich hin und ich kann wieder meine gewohnte Straßenseite nehmen. Am Abend ist es nicht mehr da! Abgefahren? So wenig braucht es also.
Dann, gute Fahrt!
Inga, wir sollten mal ausgehen, ein paar Fritten essen, oder so. Was sagst du?

St. Martin, 03.04.15

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