Vassilingalou

GABI – LAS PALMAS – GRENADA

Seine flachs-blonden Haare sind trocken und dünn. Sie bilden einen Schein um das gegerbte Gesicht voller Narben. Jene um die Augen geben seinem Blick etwas glasig durchdringendes. Etwas das sagt: „Ich kenne deine Wahrheit“. Wir sitzen am Rand einer Palette und trinken kaltes Bier aus kleinen grünen Flaschen. Das Bier hat er gerade geholt. Bezahlt hat er mit dem Geld, das wir ihm soeben geliehen haben. „Jetzt bin ich reich“, sagt er. „Ich bin so glücklich euch wieder zu sehen“, sagt er. Wir unterhalten uns über das Meer. Über die Boote, die uns hierher gebracht haben.Über gemeinsame Bekannte, mit denen wir eine schöne Zeit hatten und über solche, die uns enttäuscht haben. Immer wieder schlägt er, nach einheimischem Brauch, mit dem Daumen seiner geschlossenen Faust auf sein Brustbein. Das meint: „…ich habe euch im Herzen“.

Wir holen die nächste Runde. Gleich bringt er ein Fläschchen dem alten, schwarzen Mann auf der Gammel-Bank nebenan. „Galvin, das ist für dich, auf deine Gesundheit“, sagt er in bestem Englisch. Der Mann ist eingetrocknet und geschrumpft. Seine knotigen Hände lehnen vorsichtig den dünnen Gehstock an die Seite und umarmen sicher das Fläschchen. Er guckt in unsere Richtung mit seinem einzigen Auge und nickt ehrenhaft. Er trinkt nicht. Als er viel später trinkt, nimmt er langsam ein Nippchen und guckt unentwegt auf die Bucht. So getrunken wird ihm das Fläschchen sicher bis zum Wochenende reichen.

Langsam vergessen wir Galvin und sind wieder bei unseren Gesprächen. Wie sind die Pläne, was kommt als nächstes, wohin weht der Wind? Er hat ein neues Boot bekommen, mit vielen Problemen, versteht sich. Ohne Probleme geht es für ihn nie, meint er. Und wir stimmen zu, denn es kommt uns bekannt vor. Aber – wir sind zu zweit! Wir haben allen Segen des Lebens, sämtlichen Problemen gemeinsam begegnen zu dürfen. Das sagt er nicht, es dämmert mir nur.

In den nächsten Stunden machen wir eine große Runde über die Insel und sind durstiger nach Erzählen, als nach den kleinen grünen Fläschchen. Als wir, am späten Nachmittag, auf ein paar grob gezimmerten Bänken unter lichten Palmen sitzen, die Füße im Sand eingegraben, und das Meer harmlos wie selten vor sich plätschert, öffnet sich die Schleuse seiner Seele.

„…wir alle segeln um etwas zu entfliehen. Jeder den ich getroffen habe, versucht irgendwie zu entkommen. Ich meine, vor irgend etwas läuft jeder weg, ist es nicht so? Für die meisten Segler ist es das Verbrechen, das sie gegen das Gesetz begangen haben. Es ist aber noch viel häufiger, jenes, das sie gegen ihr eigenes Gewissen begangen haben. Es gibt kein Entkommen, man nimmt sich überall hin mit, ist es nicht so? Ich segele um dem Heroin zu entkommen. Wenn ich in Hamburg geblieben wäre, wäre ich schon tot. Immer wenn ich dort bin, zieht es mich ein. Mein alter Vater ist noch dort, er hat auch ein Boot. Ich darf bloß nicht anhalten. Wenn das mit Gabi klappen könnte, bin ich nicht mehr so allein und kann länger unterwegs sein. Vielleicht in den Pazifik. Klar, ich werde nicht aufhören zu trinken, aber, hey, versteht ihr, das ist pures Leben im Vergleich mit dem Anderen. Wenn ich länger unterwegs bin, muss ich sowieso auf der Hut sein, Wache gehen, aufpassen. Ich werde gesünder dann, versteht ihr? Natürlich versteht ihr.“

Er guckt uns mit seinem durchdringenden Blick an und klopft sich leicht mit der geschlossenen Faust auf die Brust.

Noch einmal treffe ich ihn. An einem Donnerstag fahre ich mit dem Bus zur Ostseite der Insel, wo er mit seinen beiden Booten vor Anker liegt. Das neue ist älter als das alte. Es ist aus rissigem Ferrozement und er hat es nur gegen die Krankosten bekommen. Als das Teil vom Grundstück ging, waren die Werftbesitzer bestimmt glücklicher als er. Dabei weiß er mehr über Boote als ich. Trotzdem verstehe ich gleich – auf dem neuen gibt es Platz auch für Gabi. Einige Stunden verlege ich Kabel und schließe Motor, Bedienpaneele, Relais und alles was es noch so gibt an. Er hoppelt von einem Bein auf das andere, als der Motor sich regt und später, als dieser brummt und raucht, jubelt er wie ein kleines Kind beim Feuerwerk. Bevor ich in den Bus steige, lädt er mich auf ein kleines Bier ein. Durch die Heckscheibe sehe ich ihn mit der Faust an der Brust, den strengen Blick nach vorn und die Haare als durchsichtiger, goldener Schein ums Gesicht. Bald fährt er nach Hamburg, um das alte Boot zu verkaufen und Gabi abzuholen.

Wir tragen dich auch im Herzen, Thorsten.

Martinique, den 11.10.2016

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