{"id":11591,"date":"2015-10-17T02:57:37","date_gmt":"2015-10-17T09:57:37","guid":{"rendered":"https:\/\/windpilot.com\/blog\/?p=11591"},"modified":"2015-10-17T02:57:37","modified_gmt":"2015-10-17T09:57:37","slug":"vassilingalou-geburtstag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/windpilot.com\/blog\/blog\/youtube\/vassilingalou-geburtstag\/","title":{"rendered":"Vassilingalou &#8211; Geburtstag"},"content":{"rendered":"<p><strong>MARTINIQUE<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/windpilot.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/geburtstag_klein.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/windpilot.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/geburtstag_klein.jpg\" alt=\"geburtstag_klein\" width=\"886\" height=\"633\" class=\"aligncenter size-full wp-image-11593\" srcset=\"https:\/\/windpilot.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/geburtstag_klein.jpg 886w, https:\/\/windpilot.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/geburtstag_klein-300x214.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 886px) 100vw, 886px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Yacht ist schon seit Jahren versunken. Vom schlammigen Wasser der Bucht erobert, ist alles unter Deck schon l\u00e4ngst unbrauchbar, tot. Nur das abgemagerte, kahl-beklaute Rigg, einige Relingsst\u00fctzen und der Bugkorb gucken wie Gammelz\u00e4hne bei Hochwasser \u00fcber die Oberfl\u00e4che. In \u00e4hnlichem Zustand befinden sich drei weitere Sch\u00f6nheiten der Meere, die allesamt an der verrosteten Riffabsperrung angelehnt auf ein anst\u00e4ndiges Begr\u00e4bnis warten. Wenn der Mond will, zeigt die ein oder andere ein St\u00fcck stolzen Bugs, oder abgerundeten Hecks, Zeugen gl\u00fccklicherer Zeiten.<!--more--><\/p>\n<p>Noah h\u00e4lt seinen Joint halb verdeckt und guckt mich aus dem Winkel an. Er ist sichtlich bem\u00fcht, meinen Akzent zu ordnen, meine Hautfarbe. Undefinierbar. Nein, die Yachten seien unbewohnt, er sei der Einzige. Nein, kein Eigner. Da mein Franz\u00f6sisch alles zu w\u00fcnschen \u00fcbrig l\u00e4sst, wiederhole ich die Fragen auf Englisch. Ganz sicher, kein Fehler, keinen k\u00fcmmert&#8217;s was aus den Schiffen wird. Will ich denn eins kaufen? Seine dunkle Augen werden pl\u00f6tzlich lebendig, aber nur ganz kurz, nur bis zum n\u00e4chsten Zug aus der br\u00e4unlichen, feuchten Kippe. Ich rudere langsam weg, will seinen Rausch nicht weiter st\u00f6ren.<\/p>\n<p>Quer \u00fcber der Bucht schaukelt gem\u00fctlich vor Anker eine kleine Sloop. Die halbe Rumpffarbe ist weg, so ist nicht klar, war das Boot gr\u00fcn oder wei\u00df. Der Schmutz einiger H\u00e4fen an der Wasserlinie wetteifert mit den Rostnasen im H\u00e4sslichkeits- Wettbewerb. An Deck Ordnung und Sauberkeit, die W\u00e4chter \u00fcber viele tausende von Seemeilen. Einige W\u00e4schest\u00fccke tanzen zwischen den Wanten. Es sind unsere Flaggen der Liebe.<\/p>\n<p>Wieder bei Noah und seinem ewigen Joint. Dieses Mal sind wir zu zweit und haben etwas Werkzeug im Dingi. Kein Problem, hei\u00dft es wieder, nehmt euch was ihr braucht, hier gammelt es nur. Ich will wissen, ob die Polizei der selben Meinung sein wird, aber Noah ist so kategorisch, dass wir uns gleich an die Arbeit machen. Sechs Schrauben halten den Bugkorb. Halb unter Wasser ist uns der heftige Regenschauer auch egal. Nur noch zwei Schrauben.<\/p>\n<p>Das Dingi bemerken wir nur wegen des Geschreis. Es kann uns nicht angehen, oder doch? Eine Frau, oder was aus ihr nach jahrelanger Freundschaft mit dem Alkohol \u00fcbrig ist, steht im Boot, fuchtelt und schreit mich auf Franz\u00f6sisch an. Ich begreife nicht, zumal das Dingi in etwa 15m stehen bleibt und die Distanz nur mit Lautst\u00e4rke zu \u00fcberwinden ist. Ich schreie fragend zur\u00fcck. Mein Franz\u00f6sisch verl\u00e4sst die B\u00fchne ruhmlos, mein klares Deutsch r\u00f6hrt zur\u00fcck, verzweifelt. Siehe an, es ist ihre Muttersprache: \u201eEin Deutscher, ein verdammter Deutscher beklaut mich am helligsten Tag! An meinem Geburtstag werde ich beklaut! Ein verdammter Deutscher&#8230;, zwei verdammte Deutsche beklauen mich!\u201c Der Fluss ist nicht zu stoppen. Nicht mit Erkl\u00e4rung, nicht mit Noah, nicht mit Missverst\u00e4ndnis. Es hei\u00dft, bau alles wieder zur\u00fcck und verschwinde! Das Dingi entfernt sich unter Motor und der schweigsame Begleiter steuert, unter dem ununterbrochenen Redefluss, das Werftgel\u00e4nde an.<\/p>\n<p>Wir warten nicht auf die Polizei. In mir treffen sich zwei hohe D\u00fcnungen. Wut und Scham. Fast kriegen sie mich mit ihrem erb\u00e4rmlichen Spross, der Angst. Der ungl\u00fcckliche Bugkorb bleibt wo er war, nur unser Werkzeug kommt mit. Wir fahren schnell hinterher: \u201eHey, ich bin kein Verbrecher! Ich habe gefragt, 1000 mal! Deinen Nachbarn habe ich gefragt! Deinen Nachbarn, Noah! Ich brauche den Bugkorb! Ich bin bereit etwas daf\u00fcr zu bezahlen!\u201c. Iris&#8216; Augen f\u00fcllen sich mit Tr\u00e4nen: \u201eIch verkaufe nichts! Ich segele mit diesem Boot hier weg! Es ist meine Rettung! Ich segele hier weg!\u201c Mir schaudert es, denn sie meint es wirklich. Es ist ihr Lebenstraum, den sie da vor uns nackt auszieht. Der ist d\u00fcrr, funkt aber noch wie ein Gro\u00dfer. Sie ist uns nicht b\u00f6se, wir machen einen anst\u00e4ndigen Eindruck, meint sie.<br \/>\nEs ist ihr Geburtstag. Sie wird ihn im Schlamm der Werft feiern. Wir schenken ihr eine Flasche.<\/p>\n<p>Tage danach erz\u00e4hle ich die Geschichte einem alten Segler. Er guckt mich unter den Augenbrauen an: \u201eMein Boot habe ich von einem Holl\u00e4nder. Ich durfte es gegen einen Flugticket nach Rotterdam haben. Stolze elf Meter Stahl. Es war leer, leer sage ich dir. Der Holl\u00e4nder hatte es drei Monate zuvor in den Mangroven vor Anker gelegt \u2013 f\u00fcr die Hurrikan Saison. Als er zur\u00fcck kam, war es aufgebrochen und leer, halb voll Wasser, Matsch und Krebsen. Die Erinnerung an ein Boot.\u201c<br \/>\nIch schweige. \u201eIm Salon fand er ein Zettelchen\u201c. Ich gucke ihn fragend an. \u201eLieber Segler\u201c, stand drauf, \u201ef\u00fcr dich ist nichts mehr auf diesem Boot \u00fcbrig\u201c.<\/p>\n<p>Pointe-\u00e0-Pitre, 12.01.2014<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>MARTINIQUE Die Yacht ist schon seit Jahren versunken. Vom schlammigen Wasser der Bucht erobert, ist alles unter Deck schon l\u00e4ngst unbrauchbar, tot. 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