Vorsicht Anfenger! – Gebrauchtboot Kauf zwischen Traum und Alptraum

Es gibt Träume, die nie gelebt werden – das Leben ist voll davon! Besonders tragisch, wenn der Eigenbau eines Traumschiffes über Jahre Lebensinhalte füllt, hingegen nicht zu ende gebracht wird, aus welchen Gründen immer. Die Zahl unvollendeter Träume in Deutschlands Vor – und Hintergärten ist sicher ganz enorm – hinter jeder kann man eine familiäre Katastrophe vermuten. Wenn Realitäten am Ende dann die Träume ablösen, prallen zwei Systeme aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten:
– ein Verkäufer, der einen mit Herzblut und enormer Kraftanstrengung gebauten Traum begraben will
– ein Käufer, der eigene Träume mit denen des Verkäufers abgleicht und kaufen will.
Beide Parteien haben entgegengesetzte Hoffnungen – und treffen sich beim Preis.

Hier ist die Geschichte einer jungen Familie zwischen Traum und Alptraum:

Der Kauf eines gebrauchten Schiffes ist eine spannende Sache, verbunden mit vielen Unwägbarkeiten. Neben Sachverstand, oder seinem Mangel, spielen Emotionen auf Seiten des Käufers wie des Verkäufers eine zentrale Rolle. Zu diesen mag man das Vertrauen in den jeweiligen Geschäftspartner zählen, aber auch eine emotionaler Haltung zum Schiff, von dem der eine sich schweren Herzens trennen muss, und der andere die Träume der Zukunft verbindet.
Beim Kauf von Eigenbauten, besonders jenen halbfertigen, die sich weder in der Praxis bewährt haben, noch wirklich testen lassen, spielen diese Gefühle und Vertrauen eine wichtige Rolle.
Da ist auf der einen Seite der Erbauer eines solchen Schiffes. Er hält sich für Gott, das Boot ist die Krönung seiner Schöpfung und mit diesem Selbstverständnis tritt er als Verkäufer auf. Aufgrund der vielen Arbeitsstunden, des vielen versenkten Geldes, der vielen schöngeträumten Zukunftsszenarien ist kaum ein Eigenbauer in der Lage, objektiv über sein Schiff zu urteilen. Er ist hingegen sehr wohl in der Lage, die unglaublichen Vorzüge darzustellen und dies mit einer Überzeugung, die gerade deshalb so glaubhaft wirkt, weil diese Person oft auch wirklich der festen Überzeugung ist, sein Schiff sei ohne Makel. Das Gegenteil würde das eigene Selbstverständnis in Frage stellen und das endgültige persönliche Scheitern eingestehen, unterbewusst wird hier verdrängt, was nicht sein darf.
All dies ist vermutlich Psychologie für Erstsemester, dennoch hätte ich mir früher Gedanken darüber machen sollen, bin ich doch einem solchen Vorbesitzer vor zwei Jahren aufgesessen. Seitdem tröste ich mich täglich und freue mich über Kleinigkeiten, bis sich die nächste Katastrophe offenbart.

Der Käufer hingegen hofft auf ein Schnäppchen, er will eine solide Konstruktion erwerben und den Massenprodukten des Marktes die kalte Schulter zeigen. Einzelbauten müssen auch optisch ansprechen, denn das Auge isst mit. Mein Vertrauen zu dem Voreigner spielte wohl die größte Rolle bei meinem Kaufentscheid und hier beginnt auch meine Geschichte, mit der ich alle, die den Kauf einer Baustelle erwägen, warnen möchte. Viele werden sich am Ende fragen: „wie kann man nur so sträflich naiv sein“, und recht haben sie, aber diesen Lesern gilt mein Beitrag nicht. Ich wende mich bewusst an die Unerfahrenen, die erstmals ein Schiff kaufen, wenig Ahnung haben und schlecht beraten sind.

Mein Schiff, eine Van de Stadt Seal 36, lag damals bereits seit etwa 18 Jahren geschützt unter einer LKW-Plane auf einem Firmengelände des Vorbesitzers in der Nähe Hannovers. Im Wasser war es wohl nur einmal zu einer kurzen Probefahrt auf der Weser gewesen. Gesegelt war es noch nicht, der Mast, ein hochwertiges Reckmannprodukt, war noch in der originalen Verpackung und noch nie gesetzt gewesen. Meine Frau und ich waren besonders von den soliden Decksbeschlägen, dem Rigg, und einem mit hoher Bootsbaukunst durchgeführten Holzinnenausbau geblendet. Für letzteren waren wohl kompetente Bootsbauer des ehemaligen De Dood Teams verantwortlich.
All das ließ uns blind werden hinsichtlich der Punkte, die unserem Vorhaben (Langfahrt mit Kindern) diametral entgegenstanden. So besaß das Schiff keinen Ankerbeschlag, der Herd war nicht kardanisch aufgehängt, die Warmwasserversorgung lief über eine Gastherme, was mir unsicher vorkam.
Hinzu kamen weitere Posten die noch angeschafft und bedacht werden mussten wie Segel, Wanten, Anker, Kette, Beiboot, Elektrik, Transport von Hannover nach Hamburg und alles was man sonst noch beim Kauf einer wirklich gebrauchten Yacht so nebenbei dazubekommt. Zahlreich waren auch die unfertigen Arbeiten. So stand die Toilette zwar dekorativ auf seinem Platz, war aber nicht festgeschraubt oder angeschlossen (gleiches galt für den Fäkalientank), die Heizung lag lose in einem Schapp und, und, und. Natürlich waren all dies Posten, mit denen man kalkulieren konnte und das taten wir so gut es ging, waren dann aber dennoch überrascht, wie teuer und arbeitintensiv die ausstehenden Anschaffungen und Arbeiten werden sollten.

Viel teurer und arbeitsintensiver als die kalkulierbaren Missstände sollten aber die versteckten Mängel werden.

Die Liste begann mit einer fehlerhaften Einspritzpumpe für den Motor.
Dann erwies sich das Schiff als 2 Tonnen schwerer, Wasserpass und Ablaufhöhe der Spüle stimmten nicht – ist schon etwas unpraktisch, immer Hafenwasser in der Spüle zu finden. Am Motor waren Teile korrodiert, ungeeignete Komponenten im Kühlkreislauf führten zu massivem Wassereinbruch bei der Schiffsüberführung – 1 Eimer Wasser = 5 Minuten sind jenseits von ärgerlich!
Darüber hinaus erschwerten viele seltsame Verbindungsstücke den Austausch und Weiterbau einzelner Teile erheblich. Die Liste reichte von unüblichen Rohr- Schlauchverbindungen, ungewöhnlichen Schraubengrößen hin zu einem Feingewinde im Notruder, mit dem mein Schlosser nichts anzufangen wusste. Der Erwerb von Anschlussstücken erwies sich zum Teil als nahezu unmöglich, ganze Systeme mussten komplett ersetzt werden, vieles war einfach nicht dicht und leckte. Gerade hier zeigt sich der Sinn von einem hohen Maß an Standardisierung von Werftbauten, da passen die üblichen Ersatzteile dann.
Weitere Verbastellungen fanden sich an der Ruderanlage, deren Seilzüge konstruktionsbedingt aneinander reiben, was stark zu deren Abnutzung beiträgt und unter Umständen zum Ruderausfall führen kann. Eine Lösung hierfür ist nur durch erneutes Schweißen und einen tief greifenden Umbau erreichbar. Die Bordelektrik erforderte eine Komplettsanierung.

Höhepunkt war eine Gasinstallation, die meine Familie beinahe zu Vollwaisen gemacht hätte, denn die Leitungen waren undicht und die Therme durchgerottet.

Auch solide verbaute Nirortanks erwiesen sich an Schweissnähten als undicht, der Tip, die Tanks nicht so voll zu machen, war nicht wirklich hilfreich. Den ähnlich gebauten Fäkalientank habe ich vorsichtshalber bis heute nicht benutzt.

Am Tag des Eigentumsübertragung im April 2009 und des Abtransports nach Wedel war die Aufregung natürlich groß ebenso wie die Freude darüber, dass das Schiff schwamm.

Bei den ersten Schlägen stellte sich allerdings heraus, dass auch die Dieseltanks nicht dicht waren und ständig Diesel in der Bilge stand und stank. Zum einen verrichteten Dichtungen nicht Ihren Dienst, zum anderen gab es auch hier undichte Schweißnähte. Auch das Ruder erwies sich als zu schwergängig. Immerhin trösteten uns die brauchbaren Segeleigenschaften – und wir hatten einen schönen Sommer.
Im Herbst beim Slippen kam es allerdings dann ganz dicke: der Farbaufbau löste sich überall in breiten Streifen, eine Totalsanierung bei Wrede mit Strahlen und neuem Farbaufbau erwies sich als einzige Alternative. Nach dem Sandstrahlen des Schiffes rief mich die Werft an und teilte mir mit, dass an zahlreichen Stellen Diesel aus dem Schiffsrumpf austrete. Dies geschah am Übergang zwischen Rumpf und Kiel, aber auch an zahlreichen anderen Stellen. Die nun fälligen Schweißarbeiten waren umständlich und aufgrund der Dieselgase nicht ungefährlich und teuer. Auch das Ruderblatt war undicht und musste mehrmals geschweißt werden. Mir klingelten die Worte des stolzen Erbauers in den Ohren: „ Das Schiff ist aufwändig beidseitig geschweißt, nicht so wie die zusammengeschusterten Van de Stadts in Holland, etc.“ Tatsächlich aber war sein Werk nicht nur innen undicht, da der Diesel ja aus dem Tank seinen Weg einerseits in die Bilge und andererseits in den Kiel gefunden hatte, sondern auch der Rumpf war fehlerhaft verschweißt.

Ein wahres Abenteuer war auch die Sache mit den Schiffspapieren. Das Schiff, im Schiffsregister Hamburg eingetragen, musste auf meinen Namen umgemeldet werden, was aber erst unter Nachdruck des Amtsgerichtes Hamburg im November 2009 geschah. Zur Erinnerung, die Übergabe vom Schiff und dessen komplette Bezahlung hatte bereits im April des gleichen Jahres stattgefunden. Der Voreigner übersandte aber bis zum Herbst nicht das Schiffzertifikat, in das noch bis zum 19 Juni 2009 eine Grundschuld in Höhe von 50 000 € eingetragen war, über die ich gänzlich in Unkenntnis war. Gott sei Dank wurde keine Zwangsvollstreckung fällig, dann wäre ich das Schiff direkt wieder losgeworden.

Seitdem warte ich nun auf weitere Katastrophen, in den letzten 1 ½ Jahren lag das Schiff nun aus Geldmangel an Land und konnte so sicherlich weitere Schwachstellen gut verstecken. Im Mai würde ich das Schiff gerne wieder zu Wasser lassen, hoffe, dass es keine weiteren Überraschungen gibt.

Mein Rat: Finger weg von unfertigen Baustellen. Die geforderte Bootsbaukunst ist so vielfältig wie das nötige Talent. Gute Elektriker sind nicht unbedingt gute Schweißer und umgekehrt. Manch ein Bastler überschätzt sich und die eigenen Fähigkeiten und die Erfahrungen sind auch meist nicht vorhanden.

Meine nächste Yacht wird in jedem fall schon in der Praxis getestet und für meine Bedürfnisse weitestgehend ausgerüstet worden sein. Der Gebrauchtmarkt ist voller geeigneter Schiffe für jedwede Ansprüche. Preiswerter als die eigene Nachrüstung eines unfertigen Eigenbaus mit neuem Equipment ist das allemal. Den Nachteil, dass die Geräte nicht auf dem letzten Stand sind und ich sie nicht selbst ausgesucht haben werde nehme ich dabei gerne in Kauf.

Viele Leser fragen sicherlich noch immer warum wir so naiv gekauft haben. Hier komme ich zurück zum Begin meines Beitrages und den Emotionen beim Schiffskauf. Der Vorbesitzer wusste sich und Schiff gut zu verkaufen, ich vertraute ihm. Ein weiterer Grund war die Vermutung, dass jemand der so viel Geld für einen hochwertigen Holzausbau, Reckmannmast und Beschläge etc. in die Hand nimmt auch den Rest nicht verpfuschen würde.

Hier aber lag mein großer Irrtum, manche Menschen sind nun mal komisch, nicht zu durchschauen, oder entziehen sich gängigen Erwartungshaltungen. Mit Allem muss man beim Bootskauf rechnen!!!
So habe ich erfahren müssen: Emotionen und Vermutungen haben beim Schiffskauf eine untergeordnete Rolle zu spielen, hier sollte Sachverstand das leitende Kriterium sein, damit verhindert wird, dass der Traum zum Alptraum wird.

Sicherlich gibt es unter den Eigenbauern auch Könner, die wissen was sie tun und denen ich nicht zu nahe treten möchte, insgesamt sind diese aber wohl eher die Ausnahme und man muss schon enormes Glück haben auf einen solchen zu treffen.

Nicht verheimlichen möchte ich, dass ich dem Vorbesitzer durch den Verlust eines Schlüssels Ärger bereitet habe und durch meine leicht chaotische Art nicht immer erfreut habe. Dies ist aber eine Geschichte, die ein anderer zu erzählen hat.

Gerrit Paetow SY Sheik Yerbouti die mir trotz des ganzen Ärgers ans Herz gewachsen ist

Dieser Beitrag wurde unter Die ideale Yacht veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.