Wilfried Krusekopf

DER IN DER BISKAYA TANZT
Immerhin reden wir hier von einem ganz besonderen Revier, dessen Namensnennung Gänsehaut erzeugt, jedenfalls bei Seglern, deren Sinne noch respektvollen Regeln folgen, die eben nicht – wie hier und dort scheinbar en vogue – einfach blauäugig Richtung Süden segeln, ohne die Kehrseiten eines Revier zu bedenken, falls der Wettergott einmal nicht kooperiert. Segler, die dann ihr Lehrgeld bezahlen, die – falls, sie nicht heil davon gekommen sind – das Tor zum Vorwurfsverschiebebahnhof öffnen und einem Wetterfenster oder unvorschriftsmässig laufender Tide die Schuld in die Schuhe zu schieben suchen, weil sie von keinerlei Zweifel an eigenen Skipper Künsten geplagt, ihre dummen Spuren zu verwischen trachten. Vermutlich liegt hier der Grund begraben, warum traditionell so viele Segler lieber an Englands Südküste bis zum westlichen Zipfel segeln, um auf dem wagemutigen Hammelsprung über die Biscaya nicht von schralenden Winden überrascht … sodann direkt zwischen die Klippen der Bretagne zu geraten, wo ein reich gespickter Schiffsfriedhof seit Jahrhunderten mit offenen Armen auf weitere Opfer wartet.
Als dies im Kopf und Psyche tief eingegraben, segeln unzählige Segler an einem der aufregendsten und schönsten Segelparadiesen vorbei, das in Europa kaum zu überbieten ist. Die banalen Gründe: vermeintliche Zeitknappheit, ein klemmendes Wetterfenster oder eine zwar wasserdichte Hose, die allerdings bis zum Rande voller Schiss, der eigenen Courage den Mund verbietet. Nicht zu vergessen das fehlende Grundvertrauen in eigene Navigationskünste, alternativ Restzweifel an schwarzen Zauberkästen die auf jeder modernen Yacht in Menge vorhanden sind. Navigation necesse est, weil man ohne sie, in den Steinen landen würde. Schade drum!
Die Rede ist von der Bretagne, jenem sagenumwobenem Revier, das Menschen faszinieren und zu formen in der Lage ist, weil die Natur dort wundervoll, allerdings auch schon mal brutal und fordernd eine klare Sprache spricht.
Eine Landschaft, die Bewohner und Besucher magisch in ihren Bann zu ziehen in der Lage ist, sie mit ursprünglicher Schönheit belohnt, insbesondere, wenn sie, dem harten Alltag von See entronnen, unversehrt wieder im Heimathafen eingelaufen sind. Was nur bei Flut funktioniert, weil die Ebbe das Wasser anderweitig verschwinden lässt, Schiffe sodann wie die Fische auf dem Trocknen stehen oder liegen bleiben … bis das tobende quirlende Nass seinen Besuch wiederholt und Schiffe für einige Stunden zum Leben erweckt. Dieser Rhythmus ist besonders gut im Golfe du Morbihan zu erleben, einem Mikrokosmos der besonderen Art, weil er sich von der rauhen Küste der Bretagne so enorm unterscheidet, obgleich sie nur wenige Meilen entfernt, bereits hinter der nächsten Ecke liegt.
Den Bretonen wird nachgesagt, dass sie besonders wortkarg sind, wobei Eric Tabarly als berühmtestes Beispiel gegolten haben mag. Ob dies der Lautstärke der brüllenden Natur geschuldet ist?
Für mich wäre das immerhin eine Vermutung. Allerdings ist die Liste bretonischer Segelhelden eklatant, es muss also irgendwie mit den Genen zusammenhängen – oder einfach dem Umgang mit einer Natur, die alles andere, als zimperlich ist. Denn, nicht wahr, Strömungsgeschwindigkeiten von bis zu 6 kn sowie Tidenhübe von 3 – 13 m zeugen von gewaltigen Wassermassen, die im 12 Stunden Rhythmus in Bewegung geraten, die man tunlichst zu nutzen verstehen sollte, weil alles andere keinen Zweck ergeben würde. Denn, nicht wahr: wer segelte denn schon gerne rückwärts?
Wer die Bretagne beherrscht, sich von den dortigen Herausforderungen nicht den Schneid abkaufen lässt, dem wird kaum noch etwas Angst machen, weil er seine Lektionen gelernt … er ansonsten nicht mehr zu segeln imstande wäre, oder aber die Lust verloren hätte, falls ihm die Frau nicht bereits vorher davongelaufen ist.
Wilfried allerdings vermerkt an dieser Stelle, dass bei guter Vorbereitung … und ich weiß, was er damit sagen möchte, einem soliden Schiff, vernünftiger Seemannschaft, Respekt, alternativ einer gewissen Vorerfahrung, keinerlei Grund besteht, diese Küstenregion zu meiden, zumal dort so reichhaltige Belohnung wartet. Hier ein Spaziergang für die Augen, um sich ein besseres Bild zu machen:

Bretagne


So habe ich mir zeitlebens einen Traum konserviert, der durch mannigfaltige Besuche immer weiter an Wucht gewonnen hat, derweil ich Bilder in meinem Kopf gesammelt und gespeichert habe, die meine Träume haben immer höher fliegen lassen … wohl wissend und respektierend, dass ich mit meinem heutigen Platz zum Leben vollkommen in Einklang bin. Gedanken an die Bretagne erzeugen bei mir ein Wohlgefühl, weil ich mich dort im Geiste heimisch fühle, auch wenn oder weil ich in einem andere Habitat verwurzelt bin. Womit ich eine elegante Kurve zu einem Mann geschwungen, der in der Bretagne sein Lebenszelt aufgeschlagen hat … klar, sind wir uns über eine Heckverzierung näher gekommen.
Wilfried Krusekopf, Baujahr 1951, hat vor 30 Jahren sein erstes Lebenszeichen bei mir hinterlassen, zu einer Zeit, als mir eine Datenbank noch unbekannt gewesen ist. Unschwer zu erraten, worum es ging! Richtig es handelte sich um einen Steuersklaven für eine Nicholson 31. Ein paar Jahre später überschlugen sich die Ereignisse, eine HR 352, in erbarmungswürdigem Zustand in der Karibik erstanden, sollte nach Europa überführt wurde, die uralte Pacific wurde auf den Azoren durch ein modernes System ersetzt. Irgendwie ist dabei dann der Funke übergesprungen, denn meine Datenbank weist über 100 Mailwechsel auf, vom Knopf zur ganzen Lebensjacke, wurden persönlicher, die Anrede bald um einen Buchstaben kürzer. Wir haben Schritt für Schritt entdeckt, wie sehr sich unsere Wege ähnlich, die wichtigsten Lebenserkenntnisse, in unser beider Köpfen zu Hause sind, bzw. Hand in Hand um die Ecke gekommen sind:
– Wasser ist zum Leben wichtig, wir haben bei Marine bzw. Handelsmarine das erste Salz geschnuppert.
– Leben ohne Segeln ist zwar möglich, ergibt aber keinen Sinn
– Man kann sich in Schiffe verlieben, umsorgt und behütet sie, als zur Familie zugehörig … bis man würdigen Ersatz gefunden hat, dem man sodann seine Seele anvertraut.
– Die Lebenskrönung allerdings ist eine gelungene Lebens- und Liebesbeziehung mit der man elegant alle Lebensbereiche im Gleichklang verbinden und gemeinsam leben kann. Das benennen wir beide den Sechser im Lebenslotto!
Seit 2006 leben Thérèse und Wilfried, glücklich und zufrieden ein gemeinsames Leben an Land und auf der SV Gwenavel, einer HR39, mit der sie weite Reisen machen, gleichwohl mit Freude immer wieder in ihr Zuhause am Golfe du Morbihan zurückkehren. Etliche Atlantik Runden sind bereits im Kielwasser.

Wilfrieds erste Erfahrung in Bezug auf die grosse Sehnsucht auf alles, was sich hinter dem Horizont verbirgt, sei hier als Anekdote mit seinen eigenen Worten geschildert:

Es war im Sommer 1962. Ich war gerade mal 11 Jahre alt. Meine Eltern hatten entschieden, den Sommerurlaub bei Timmendorf an der Ostsee zu verbringen. Damals war es noch nicht üblich, die Kinder mit in die Wahl des Urlaubszieles einzubeziehen. Es standen mir somit als kleiner unternehmungslustiger, abenteuerhungriger Stöpske drei  Wochen Dauer-Langweilen bevor zwischen Strandkorb, Promenadenspaziergang und ordentlichem Benehmen am Tisch im Restaurant. Am Wasser angekommen, hatte ich aber ziemlich schnell herausgefunden, dass es unweit des Strandkorbverleihs einen Bootsverleih für Ruderboote gab. Kleine, etwa drei Meter lange, offene Holzboote mit zwei Riemen als Antrieb. Groß genug für mich, um meinen Aktionsradius auszuweiten, den Rand meiner neuen Welt zu erkunden. Mein Vater war zwar bereit, mir eine Stunde Leihgebühr zu bezahlen, aber ich hatte Größeres im Sinn: Mein – natürlich niemandem  gegenüber ausgesprochenes – Ziel war es, so weit aufs Meer hinaus zu rudern, bis ich keine Menschen mehr erkennen würde. Dafür, so dachte ich mir, wären wohl eher zwei als nur eine Stunde zu veranschlagen. Schließlich hatte ich meinen Vater soweit, die notwendigen 10 Mark locker zu machen und so konnte meine Seefahrt mit geheim gehaltenem Ziel beginnen. Und da der Bootsverleih vom Strandkorb meiner Eltern nicht direkt zu sehen war, machte ich mir auch keine weiteren Gedanken, ob ich bei meiner Horizonterkundung wohl beobachtet würde. Kurs vierkant zum Strand…weg vom langweiligen Land… raus aufs Meer! Heutzutage, angesichts juristisch ausgefeilter Sicherheitsvorschriften und allgegenwärtigen, aufmerksamen Rettungsschwimmern, wäre so etwas sicherlich undenkbar. Aber 1962 war unsere Welt noch weniger reglementiert… Und so ruderte ich also los in die Neustädter Bucht, Kurs Dänemark… Die Strandkörbe wurden immer kleiner und auch die Menschen darin konnte ich kaum noch wahrnehmen, und so hätte ich mein Ziel beinahe erreicht, wenn nicht schließlich ein Motorboot angebraust gekommen wäre und der Skipper mich energisch ermahnte, das ich hier draußen doch wohl nichts verloren hätte und schnellstens in Richtung Küste zurückrudern sollte. Eingeschüchtert folgte ich der Order, schließlich hatte ich ja mein Ziel praktisch erreicht.
In der Zwischenzeit hatte sich meine Mutter wohl einige sorgenvolle Gedanken gemacht und war schon mit einem Fernglas auf der Suche nach ihrem „verschollenen Sohn“.  Das erzieherische Spektakel, das sich anschließend am Strand abspielte, muss ich wohl kaum beschreiben, aber egal… das lebenserfrischende Prickeln des bestandenen Seeabenteuers wog alles andere auf. Meine erste große Seefahrt konnte mir niemand mehr nehmen.

Wilfried´s Lebenslauf im Stakkato

1970-1972 Bundesmarine, Navigator auf Minensucher LINDAU. Erste Bretagne-Erfahrungen: Zwei Winter in Cherbourg, Saint-Malo, Brest, erste Schwerwettererfahrungen im Kanal und in der Biskaya (zum Glück nicht auf dem eigenen Boot!), NATO-Manöver, Spielzeugminen legen und suchen…
 
1978 bis 1998 Lehrer für Mathematik und Physik am Gymnasium Bielefeld-Sennestadt. Seit 1980 stolzer Eigner eines 6,20m Trailerbootes, mit dem ich 5 Jahre lang in allen Sommerferien zwischen Aaland-Inseln, Côte d’Azur, Kykladen und der Bretagne unterwegs war.

Bis schließlich klar wurde, dass zwischen Cherbourg und La Coruna mein wahres „Traumrevier“ vor der Tür lag: Kalkulierbarer Wind, historisch gewachsene Seefahrtskultur, nette Leute, wenig Kriminalität, gutes Essen, geschützte, bezahlbare Liegeplätze in schöner Landschaft mit Perspektive für Ganzjahresplatz, denn die Trailerei ging mir zunehmend auf den Keks.

Nach Ablauf einer 6-jährigen Beurlaubung, Kündigung des Beamtenverhältnisses, lebte es sich in der Bretagne an Land und an Bord unvergleichlich viel besser.

Wilfried ist Autor von bislang 4 Fachbüchern, die allesamt bei Delius Klasing verlegt worden sind. Sein letztes Buch SEGELN IN GEZEITENGEWÄSSERN ist der Extrakt aus 40 Jahren Bretagne-Segeln. Sein neuestes Buch EINFACH SEGELN wird im Januar 2021 publiziert. Nach einem kritischen Blick auf das heutige Yachtsegeln – immer mehr HighTech, immer mehr Bildschirm-Abhängigkeit, immer mehr Lifestyle-Cruising – wird dem Fahrtensegler sehr konkret beschrieben, wie er durch Anwendung des KISS-Prinzips zu mehr Unabhängigkeit, mehr Sicherheit, mehr Naturnähe, mehr Nachhaltigkeit und damit zu mehr Segelvergnügen kommen kann. Eine Sichtweise, die auch in meinem Leben als Roter Faden vorhanden ist.

Wilfried und Thérèse haben vor einigen Jahren eine deutsch-französische Skippergemeinschaft gegründet, über die sie gemeinsam mit anderen französischen und deutschen Skippern individuell gestaltete Urlaubs- und Ausbildungstörns in den Tidengewässern Westeuropas anbieten. Dazu gehört auch ein Törnberatungsangebot für Skipper, die auf eigenem Kiel dieses einzigartige, zwar anspruchsvolle, aber faszinierend-reizvolle Segelrevier bereisen möchten.

20.12.2020
Peter Foerthmann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.