Corona Realitäten

ERFAHRUNGEN – AUSBLICKE
14 Monate geballter Corona Neuigkeiten haben Spuren hinterlassen, für Segler mit grossen Träumen ist dabei kein Stein mehr auf dem anderen geblieben, weil sie mühsam, teils ungläubig, teils zögerlich haben realisieren müssen, dass der unendlich geglaubte Traum von Freiheit hinter dem Horizont abrupt zu Ende gegangen ist. Je nach Informationslage – oder Realitätsinn? – wurden in den vergangenen Monaten Reisepläne verschoben, aufgegeben oder versucht, gangbare Wege zu finden, wie man eine Reise dennoch durchführen könnte.

Traum – Albtraum

Die besten Indikatoren für mögliche Entwicklungen sind an Bord jener Yachten zu finden, die sich rund um den Globus in Zwangslagen befinden, die daraus, je nach Temperament und Kassenlage, das Beste zu machen suchen … oder aber sich still in ihr Schicksal fügen und in Ruhe auf Verbesserungen warten, derweil örtliche Flora, Fauna und soziale Strukturen intensiver kennenzulernen suchen. Blogs sei gedankt, dass viele Segler authentisch darüber berichten, wie es um ihre Seelenlage bestellt, auch wenn dies manchmal nur zwischen den Zeilen herauszulesen ist, wenn oder weil man sich ja nicht selbst die Schlinge um den Hals legen mag, bzw. Wahrheiten schon mal divergieren können, wenn mit Blogs oder Vlogs noch Einkommen erzielt werden soll oder muss. Die Anzahl von Seglern, die monatelang an einsamen Destinationen verharren, derweil sie sämtliche Optionen durch deklinieren und zu dem Ergebnis kommen, dass jede einzelne neue Restriktionen bereit hält, steigt rasant. Je nach Kassenlage steigen ebenfalls die Buchungszahlen jener weltweiten Huckepack Flotte, die Schiffe jeder Grösse als Decks- oder Dockladung wieder in heimische Gefilde transportieren, wo sie von ihren Eigner zumindest wieder zu bewohnen und oder zu nutzen sind. Denn immerhin ist es Fakt, dass eine unendliche Vielzahl von Schiffen seit Monaten in ihren derzeitigen Häfen verbleiben, um auf Verbesserungen der Gesamtsituation zu warten. Dies gilt insbesondere in den Südeuropäischen Marinas, wo grosse Flotten internationaler Segler sich longterm heimisch niedergelassen haben, zum Warten.
Ist der Lebenstraum von einer Weltumsegelung, angesichts harter Fakten heute noch realistisch? Ich wage das zu bezweifeln, weil die Faktenlage vermuten lässt, dass ein sorgloses Vagabundieren auf eigenem Kiel für alle Zeiten unmöglich geworden ist. Nicht zu vergessen auch, dass die sozialen Veränderungen Verwerfungen infolge der Pandemie in ehemaligen Traumdestinationen zu Verhaltensveränderungen gegenüber der unter weissen Segeln reisenden Flotte von „segelnden Touristen“ geführt haben, die handfeste Probleme im Alltag von Liveaboards zur Folge zu haben scheinen. Ein einsames Schiff vor Anker in einer romantischen Bucht bedeutet nicht zwangsläufig ruhigen Schlaf, wenn an Land die grosse Armut und Verzweiflung ihr Regiment führt.

Sorgfältigste Reise Planung mit stets aktuellsten Informationen und Anforderungen sind zur harten Realität jedes Seglers unterwegs geworden. Ständiger Online Zugang dafür die Voraussetzung. In Madeira entschieden nur wenige Stunden Zeitversatz darüber, ob eine Yacht im Hafen verbleiben durfte oder aber zum Auslaufen gezwungen wurde. Crew Wechsel, Reiserestriktionen, Besuche aus oder in der Heimat, Schiffsüberführungen im Not- oder Bedarfsfall in Pandemie Zeiten, so heissen die Herausforderungen … die viele Segler bereits zur Verzweiflung getrieben haben. Selbst der Verkauf des eigenen Schiffs, zu teils unglaublichen Preisen, wird vielfach erwogen, um einem langwierigen Schrecken ein Ende zu machen. Weil auch weltweit die Flugverbindungen zusammengestrichen wurden, gerät eine schnelle Rückkehr in die Heimat zunehmend zum Hürdenlauf, von überteuerten Flugtarifen nicht zu reden. Ein insgesamt wenig erquickliches Szenario, bei dem sich unzählige Segler unterwegs am Ende nur nach Zuhause sehnen.


Aus der Praxis der SV Sabrina, derzeit in der Karibik unterwegs:

In unserem Fall war es halt so, dass wir zeitgleich zum Ausklarieren auf Teneriffa den PCR-Test max. 72 Std. vor dem Ablegen für ca. 500 Euro bei einem deutschen Arzt durchführen lassen mussten.

Ausgestattet mit diesen Papieren meldeten wir uns dann in Antigua über eSeaClear an, was einen Zwischenstop auf den Kapverden nicht zugelassen hätte.

Hier am vorgeschriebenen Ankerplatz in English Harbour eingetroffen,
kam sofort der Health Officer längsseits, liess sich unsere Papiere
vorlegen, nahm seine Fiebermessung vor (wir konnten unser Schmunzeln
nach 22 Tagen Atlantik nur schwer verbergen) und gab uns zum
Einklarieren ‚grünes Licht‘, was dann auch reibungslos ablief.

Unsere Zeit auf See wurde also auf die Quarantänezeit angerechnet.

Wenn wir uns Mitte Mai für die Hurricane-Saison nach Curacao verholen, müssten wir nach den bisherigen Curacao-Einreisevorschriften eigentlich dort keinen neuen Test vorlegen und uns auch nicht etwa in Quarantäne begeben, weil Antigua zu den Low risk-countries zählt.

Dieses wird aber seit 02.04. von Curacao nicht mehr ankerkannt und man muss nun doch mit einem Test anreisen oder diesen dort in Quarantäne durchführen lassen.

So ändern sich hier die Situationen permanent und das alles lässt nun absolut keinen Segelspass mehr aufkommen – am besten nur noch auf dem Atlantik segeln – und warum auch nicht, denn wir haben ja den Windpilot
von Peter Förthmann 😉

Den Frohsinn werden wir uns jedenfalls nicht austreiben lassen!
beste Grüße
Dany
SV Sabrina

Auch die Freiheit auf Raten in Form eines Chartertörns im Traumrevier ist den gleichen Restriktionen unterworfen, weshalb auch der Chartermarkt offenbar gewaltige Einbußen zu verzeichnen hat.
Insgesamt ein Luxusproblem? Die geringe Zahl betroffener Segler mit blauen Plänen in Deutschland legt diese Vermutung nahe, wie eine vergleichende Betrachtung mit unseren Nachbarländern Niederland und Frankreich offenbart, wo ganze Flottenverbände absprungbereit auf Verbesserung der Corona Zahlen zu warten scheinen. Interessant erscheint mir in diesem Zusammenhang, dass in unserem Land vielfach Schwierigkeiten zu bestehen scheinen, den griffigen Terminus von einer geplanten Weltumsegelung, der in der sozialen Aussendarstellung gern zum Alleinstellungsmerkmal stilisiert, zu optimieren, bzw. durch einen anderen Begriff zu ersetzen, weil die harten Fakten langsam in allen Köpfen angekommen sind. Durchaus denkbar, dass der Alltag der Segler mit blauen Träumen für alle Zukunft bislang von saisonalen Wettersystemen bestimmt, fortan vom weiteren Verlauf der Pandemie und entsprechenden politischen Entscheidungen beeinflußt werden wird, womit frühere Reiseplanung über sichere oder unsichere Zeiträume obsolet werden würden. Die Herausforderungen an zukünftige Segler, die hinter dem Horizont zu verschwinden planen, werden sicherlich hier oder dort Zweifel an der Sinnhaftigkeit eines derartigen Abenteuers in toto nähren, zumal der Flickenteppich vorhandener Informationen nahezu täglich Veränderungen erfährt. Sorglos segeln war gestern.
Die Pandemie hat dem Traum von Freiheit auf See einen empfindlichen Dämpfer versetzt, aber sie wird es nicht schaffen, die Lust aufs Segeln zum Erliegen zu bringen, weil Abstand, auch im übertragenen Sinne, für Segelenthusiasten zur Grundausstattung gehört. Denn wir wissen, dass es überall die Menschen sind, die Bedrohungslagen verursachen, weshalb wir diesen Sport in unserem Herzen tragen. Uns liegt im Blut, unsere Reisepläne mit meteorologischen Abläufen zu synchronisieren. Wir werden zu lernen haben, geopolitische Entwicklungen unter Pandemie Bedingungen sorgsam zu beachten, um Schaden an Leib, Seele sowie Schiff zu vermeiden, wir haben akzeptiert, dass wir in bestimmten Gegenden nix zu suchen haben und kennen die Folgen, die wir als Quittung zu erleiden hätten. Wir werden unsere Pläne und Ziele der nun neuen Situation anzupassen wissen, werden vielleicht heimatliche Reviere neu erschließen, werden in Europa wundervolle Ecken entdecken, werden unsere Sehnsüchte nach fernen Zielen ein wenig zügeln, weil sie viel zu oft nur durch den Flaschenhals von Silbervögeln zu erreichen sind, und wir realisieren atemlos, dass wir in fliegenden Röhren nicht nur unseren eigenen Atem inhalieren.
Eigenverantwortung zu übernehmen, das zählt zu den besonderen Eigenschaften von Seglern, denn wer sich dieser Herausforderung nicht stellen mag oder kann, der kommt niemals los und nirgends an. Es ist die Geschichte von Spreu und Weizen!

Hamburg 04.04.2021
Peter Foerthmann

2 Antworten zu Corona Realitäten

  1. Thomas SV Carmina sagt:

    Peter, Du hast wieder mal den Nagel auf dem Kopf getroffen. ABER was mich nach wie vor unglaublich stutzig macht ist die Tatsache, dass eine paar wenige Tausend „Politfunktionäre“ es, gegen Millionen von Bürgern, fertig bringen eine ganze Welt in Zwangsjacken zu stecken!
    Vielleicht haben wir alle in der „Wachstums- und Wohlstandsbesoffenheit“ vergessen, das der Staat wir Alle sind. Es genügt eben nicht alle vier Jahre ein Kreuzchen auf einer Wahlliste zu machen und dann denken, „die werden es dann schon richten“. Segler sollen ja bekanntlich Risiken und Chancen abwägen können. Sollten um alle Ecken Denken, Analysieren und entschieden Handeln können. Nur, bezüglich Verantwortung für den eigenen Staat, der ihnen Sicherheit, Wohlstand etc. gebracht hat, ist das ausgeblieben. Die Folgen sind jetzt sichtbar. Zeit die Pinne für den eigenen Staat wieder resolut in die eigene Hand zu nehmen ist vielleicht noch vorhanden. Packen wir’s?

  2. Lieber Peter, danke für den Satz: “ Wir werden zu lernen haben …“ und Deinen ansteckenden Optimismus!
    Die einen finden Wege – die anderen finden Gründe.

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