Ölzeug oder Badehose?

RUNDREISE BRETAGNE SPANIEN PORTUGAL MADEIRA KANAREN
Nach zwei Jahren Corona-Zirkus war die Sache klar: Nix wie weg … mit GWENAVEL, meiner zweitbesten Dame, möglichst weit nach SW: Galicien, Portugal, Porto Santo, Madeira, Kanaren … Weite … Platz … frischer Wind …, aber es kam banz anders …
30 Biskayaüberquerungen haben meine Prinzipien fein geschliffen, man sollte die doppelte Zeit einplanen, um am Ende entspannt nur sichere Wetterfenster zum Segeln zu nutzen.
Klimaverschiebung, veränderte Großwetterlagen… weiß der Himmel …jedenfalls kam statt des „guten Windes“ fast nur Flaute, oder laue Lüftchen, sowohl in der Biskaya, als auch vor der portugiesischen Küste, wo doch eigentlich im September der „Portugiesische Norder“ aus früheren Zeiten mit seiner Regelmäßigkeit bekannt war. Statt dessen ständige 2-3 m Dünung, die von NW durch Starkwindtiefs über den Britischen Inseln ruhiges Flauengleiten unmöglich machten.
Typische Gespräche unter Seglern die vielfach nur dank Rudolf Diesel La Coruna, Porto und Lissabon erreichten: Windmangel, beisswütige Orcas und steter Liegeplatzmangel je weiter man nach Süden kommt.
Schon in La Coruna war mir aufgefallen, dass an den Stegen mindestens so viele skandinavische Boote lagen wie alle Franzosen, Engländer und Deutsche zusammengezählt. Zufall? Vermutlich hat Corona den skandinavischen Seglerseelen noch brutaler zugesetzt als anderen, vielleicht gepaart mit dort üblichen generösen Sabbatjahr-Regelungen…?

Etwa bei einem Viertel aller Yachten hätte sich der Heckverzierungs-Peter sicherlich gefreut, nur kamen diese genügsamen Steuerleute im Herbst 21 nicht nur auf GWENAVEL kaum zum Einsatz. Kaum ein Segler, der nicht über Windmangel klagte. (Bem: Kennt Ihr die Variante „Windpilot heiratet mobilen Elektro-Autopiloten“ für Motorfahrt?)

Pacific

Und dann die Horrorgeschichten von den Ruderhavarien… von Orcas angeknabberte Ruderblätter waren da noch die harmloseste Variante. In Sines südlich von Lissabon drei Wochen später liegen vier Yachten manövrierunfähig im Hafen mit abgeknicktem, oder auch ganz abgerissenem Ruderschaft. Wer mehr darüber wissen möchte, kann HIER weiterlesen.
Mögen Orcas keine Servoruder??? Jedenfalls hatte ich während der Reise niemanden kennengelernt, dessen Windpilot angefressen worden war von diesen streitsüchtigen schnellen Fischen.

Zwar gab es eine Woche später an der Algarve immerhin noch ein paar freie Liegeplätze in einigen Häfen, doch wurde die Hafenentspannung mancherorts in den Abend- und Nachtstunden nicht selten erheblich getrübt durch das Gegröle hunderter besoffener Engländer ( Landmenschen mit besonderen Vorstellungen für ein erfolgreiches Urlaubserlebnis ), Fußballspiel und Alkohol lassen grüssen.

Unglaublich, ein Geschenk des Himmels: von Lagos bis Porto Santo endlich einmal bestes Raumschotsegeln bei 5 Bft. Ideal für unseren unverwüstlichen „Herrmann“ mit seinem Hamburger Aluminiumskelett. Doch leider, kaum angekommen, kommt schon der Dämpfer: Mehr als 20 Yachten liegen im Vorhafen vor Anker, oder an einer der wenigen Mooringbojen, die als Ersatz für die sturmzerstörten Pontons ausgelegt wurden. Im Winter 2019-20 hatte ein durchziehendes Sturmtief die ohnehin altersschwachen Pontons zu Kleinholz zerlegt und bis Oktober 21 hatten es die Brüssel-Euros wohl noch nicht bis Porto Santo geschafft. (Bem: In Spanien und Portugal sind die meisten Yachthäfen zu mehr als 80% von der EU finanziert.)
Es wäre klüger gewesen, nicht in der Enge des Vorhafens zwischen all den schon vor uns eingetroffenen Yachten zu ankern. Lieber draußen außerhalb des Hafens sich die Seele aus dem Leib rollen, als eine nächtliche Überraschungskollision zu riskieren. Aber mit 4 durchgesegelten Nächten in den Knochen macht man manchmal Fehler. Und so hämmerte uns denn der Bug einer Nachbaryacht mitten in der Nacht aus dem wohlverdiente Schlaf . OK, mein Fehler. Ich hatte zu viel Kette gesteckt und unser Schwojkreis war darum zu groß in dieser durch brutale Fallböen gebeutelten Seglergemeinde. Kleiner GFK-Schaden…

Mangels Liegeplätzen wurde unser eigentlich mehrwöchig geplanter Porto Santo Aufenthalt somit dann auf eine Nacht reduziert mit vorgezogenem Ziel Madeira. Ich hätte es mir inzwischen denken können/sollen/müssen. Wenn Porto Santo rappelvoll ist, wie soll es dann auf der großen Nachbarinsel sein? Genauso! Funchal-Warteliste etwa 2 Wochen. Quinta do Lorde Warteliste hingegen nur 5 Yachten lang. Wir versuchen es einfach dennoch ohne Voranmeldung direkt, laufen einfach ein und dürfen tatsächlich ins Päckchen für eine Nacht. Zweiter Anruf in Funchal wieder erfolglos. Kein Platz bis mindestens Ende nächster Woche. Aber man darf vor dem Hafen ankern. Bei den aktuellen 2m Dünung eine höchst verlockende Perspektive. What now?
Geplant waren 3 Wochen Madeira, natürlich mit Wanderungen in allen Höhen und Himmelsrichtungen. Nur dafür mindestens 10 Nächte in einer hin und her rollenden Waschtrommel in Warteposition vor der Hafeneinfahrt schlafen???
Ein zweites Mal schenkt uns der Himmel einen steifen NE-Wind. Wäre prinzipiell perfekt für den 300 Meilen Schlag hinüber nach La Graciosa nördlich von Lanzarote. Außerdem, für Caleta de Sebo auf La Graciosa habe ich bereits eine seit drei Monaten bestätigte Reservierung in der Tasche, nur leider für Mitte Dezember und nicht für nächste Woche. Doch die bösen Geister verschonen uns, und so kann ich die Reservierung per Internet tatsächlich 5 Wochen vorziehen, so dass der günstige Wind genutzt werden kann. Drei Tage später liegen wir im tatsächlich – erstmal – entspannenden Caleta de Sebo.

Es folgt eine wirklich gute Woche. Das erste Mal auf dieser Reise genießen wir das Gefühl zur richtigen Zeit am richtigen Platz zu sein.
Doch – der Leser vermutet es – die Idylle dauert nicht lange: nach einer Woche verfärbt sich der Himmel in ein gräuliches Gelb und zieht immer dichter zu. Calima!

Steifer NE ist im Bereich der Kanaren ja vorherrschend, aber manchmal dreht er auf Ost, verursacht durch ein Hitzetief über der westlichen Sahara. Und wenn das Hitzetief tief genug ist, saugt dieser Wirbel den Sand und Staub der Sahara in die Höhe und bläst den ganzen Dreck in Richtung Kanaren, wo dann alles, wirklich alles mit einer hässlichen Sand- und Staubschicht überzogen wird, an Deck genauso wie unter Deck. Die Corona-Atemmasken bekamen einen neuen Einsatzzweck…der Leser wird es nicht glauben…sogar beim Segeln, denn ohne ist bei dichtem Calima der Hustenreiz nicht lange erträglich. Zeitweise wurde der Flugverkehr auf den Inseln eingestellt, um Triebwerkschäden zu vermeiden.
Während der drei Wintermonate im Bereich La Graciosa, Lanzarote, Fuerteventura, Gran Canaria blies uns dieser Dreck mehr als ein Drittel der Zeit die gute Laune aus dem Kopf. Erst im März auf Gomera – dank frühzeitiger (3 Wochen waren gefordert!) Hafenplatzreservierung – wurden endlich die Träume einer entspannten Überwinterung in mildem Klima Wirklichkeit. Dass sich dann meine schon ein wenig ältere Knochen bei den zweifellos oft atemberaubend schönen Bergwanderungen beschwerten, kann ich weder Calima, noch anderen unvorhergesehenen Ärgernissen anlasten.
Dass schließlich im Frühjahr und Frühsommer auf der Heimreise gen Galicien wieder mehr Dünung als brauchbarer Wind herrschte, mag ich gar nicht mehr schreiben, der Leser wird es nicht glauben. Was soll’s… Die Schönheit der Häfen und Ankerbuchten Galiciens macht nach langer Reise vieles wett. Und wenn dazu noch gegrillte Sardinen, Pulpo Gallego und Pimentos do Padron von einem kühlen Albarino begleitet werden, dann ist die Welt wieder fast in Ordnung. Die Schattenseite? In Galicien regnet es auch im Sommer nicht selten und selbst Nebel bildet sich dort fast so häufig wie im Ärmelkanal. Selbst in meiner heimatlichen Bretagne herrscht im Hochsommer meist besseres Wetter als in Galicien.
Egal…die Luft zwischen Stornoway, Galway, Brest und La Coruna ist immer sauber, der Wind für Segler der Allerbeste, da gut vorhersehbar, alle Häfen ohne Reservierung anzulaufen, das Kulinarische zwar im hohen Norden eher spärlich, aber zwischen Ile d’Ouessant und dem Cabo Fisterra fast wie im Schlaraffenland.

Der ganze Rest der Segelträume südwestlich, südlich oder südöstlich von Lissabon ist ausgeträumt…
Wer einmal die Inseln der französischen Atlantikküste etwas genauer kennengelernt hat, wird ernsthaft darüber nachdenken, seinen Jahresliegeplatz an den Atlantik zu verlegen. Was sich dann allerdings bei näherer Prüfung schnell als Illusion herausstellt, angesichts der mehrjährig langen Wartelisten. Pardon für den Sarkasmus.

Seglergruß vom Golfe du Morbihan in der Süd-Bretagne

Wilfried Krusekopf
SV Gwenavel

2 Antworten zu Ölzeug oder Badehose?

  1. Jens Borner sagt:

    Ziemlich humorvoll gestalteter ehrlicher Bericht, der den Traum vom sorgenfreien Überwintern unter Segeln eben doch als Traum, und nicht als einfach realisierbare Wirklichkeit erscheinen lässt. Was mich etwas melancholisch und nachdenklich stimmt.
    Jens Borner

  2. Thomas SV Carmina sagt:

    Nun, Wilfried, bin ich gespannt wie es mir hier in Vila France do campo, San Miguel, ergehen wird. Sharastaub wird es wohl nicht bis hierher schaffen. – Dieser kleine Hafen liegt wunderschön. Auch hier wurde mir mitgeteilt, dass er vollständig ausgebucht sei. Für techn. Interventionen – die unser Schiff nötig hatte – wurde mir eine Erlaubnis erteilt. – Dann aber, als ich erklärte hier eine längere Zeit, möglichst gar ein Jahr zu bleiben bewegte sich was. Am 3. Tag teilte mir die Hafenmeisterin mit, dass sie am Ponton C einen Platz von 13 Meter und fürs längsseits anlegen frei gemacht hätten. Super Service und an Flexibilität kaum zu überbieten. Nach Ponta Delagado wollte ich eigentlich nicht, bin ich doch eher ein ‚Abseits-Segler‘ und weiche gerne dem Rummel der grossen Häfen aus. Zu guter Letzt teilte mir die Hafenmeisterin mit, dass sie bereits eine Lehrkraft gefunden habe, die meinen Wunsch portugisisch zu erlenen gerne unterstützen würde. Sie ist jung, dann noch hübsch und sympathisch und ich hoffe sie hat genügend Geduld mit mir als Methusalem. Die Zeit wird es zeigen.

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