Traum – Albtraum

VOM SEHNSUCHTSSZIEL ZUM ALBTRAUM IN 10 MONATEN
Es ist der Traum der Träume, der Seglern durch die Nächte hilft, der lebenslang ihre Arbeitskraft erhält, ja sogar regeneriert, der Lebensmühen erträglicher macht, die langwierige Aufzucht von Erben zu eigenständigem Leben großziehen hilft, der sie – manchmal still und leise! – neben alledem stringent einen schwimmenden Schwan bis zum Flaggenknopf ausrüsten lässt. Man könnte lossegeln, wenn man nur wollte, aber man will derzeit noch nicht! Man will ja auch ringsum nicht zu sehr erschrecken!
Der Grosse Traum heißt nämlich: WECH – Leinen los – Richtung Südsee – vorzugsweise! Ein Stand-Alone-Traum, das Ziel der Ziele, weil er die Ankunft in Französisch Polynesien mit der Ankunft im Paradies sublimiert, für das es keine Steigerung mehr gibt. Zumindest nicht im Traum, weil man ja dort noch nicht angekommen ist und die Träume mühsam mit Realitäten anzufüllen hat, Bilder tauscht, denen man bis dato so unbeschwert und rein – lebenslang – hinterher gelaufen ist! Es sind die Bilder von wiegenden Palmen und Hula-Mädchen, die eine Kokosnuss köpfen, um ihr Gegenüber mit labender Milch zu erfrischen und unter Ukulelen Klang mit schwingenden Hüften um den Verstand zu tanzen – gegen Entgelt, versteht sich!
Immerhin angekommen, noch ein wenig benommen von den Gedanken der vergangenen langen Reise, und der Gewissheit, dass dies ein winziger Knopf mitten in einem gewaltigen Wasserhaufen ist … von dem wieder loszukommen … eine weitere Hürde ist! Ein Traum, der millionenfach in Segler Köpfen schwirrt, der meschugge machen kann … zudem Grund für manche Scheidung generiert, weil der Start zur Grossen Reise der Ernstfall ist, der zur Stunde der Wahrheit mutieren kann. Kompromiss nahezu ausgeschlossen.
Im Pazifik wurde die Zahl der Kreisverkehr Segler, die über viele Jahre im Rhythmus der saisonalen Wetterfahrpläne zwischen Australien – New Zealand – Tonga – Fiji und Polynesien ihre Runden drehten, ohne schwindelig zu werden, dabei mehr oder weniger elegant kollateral den Einreisebestimmungen überall ein Schnippchen schlagen konnten, stetig grösser. Die Zahl der Segler, die im pazifischen Raum ihre Heimat fürs Leben gefunden zu haben glaubten, ist eklatant.
Es scheint an der Zeit, dass die Segler Welt heute umzudenken hat! Seit Corona ist kaum noch ein Stein auf dem anderen geblieben und in Tahiti, einst von der Pandemie unberührt, scheinen heute ca 10% der Bevölkerung infiziert. Es darf wohl vermutet werden, dass die Reiselust aus dem französischen Mutterland hier als ursächlich anzusehen ist. Die Folgen für Segler indes, sind verheerend, wie seit Monaten mit teils angehaltenem Atem, zu beobachten ist. Fast scheint es, als wenn die Welt für Segler in Französisch Polynesien stehen geblieben ist.
Kaum ein deutschsprachiges Seglerpaar schildert vergleichbar ehrlich und authentisch ihre Erlebnisse, wie die Hamburger Ulla Jörs und Joachim Willner, SV Atanga, die in ihrem Blog die Ausweglosigkeit der Situation mit deutlichen Worten beschreiben:

Schlechte Zeiten für Pläne, aber wir wagen es trotzdem.
Wo wollen wir hin? Wo können wir hin? Die Zyklon-Saison hat begonnen, aber die Saison 2020/2021 wurde als LaNiña Jahr eingestuft. Das bedeutet, dass sich das Meer im Ostpazifik nicht so sehr erwärmen wird, wie in normalen Jahren. Kühles Wasser = keine Wirbelstürme. Keine Wirbelstürme ist eine gewagte Aussage, aber für Französisch Polynesien wurde das Risiko auf minimalst eingestuft.
Die Anzahl der positiv auf Corona getesteten ist vor Ort weiterhin fast an der Weltspitze. Es dürfte nach den veröffentlichten Zahlen  im Großraum Tahiti jeder Zehnte Corona positiv sein – ohne Dunkelziffer. Es wird intensiv auf Abstand halten und Maskenpflicht hingewiesen und auf dem Markt wurden Pfeile auf den Fußboden geklebt, damit die Menschen im Gewühl nicht durcheinander laufen.  Die Ausgangssperre wurde verlängert und aus Frankreich ist Pflegepersonal eingeflogen worden. Aber von einem Lockdown ist nichts zu spüren. Und ohne Lockdown sind wir frei dahin zu segeln wohin wir möchten.

Die SV Olgalou von Inga + Vassil Beitz–Svechtarov wurde in Papeete kurz vor dem Beginn der Pandemie verkauft, nachdem sie bereits einige Monate um ihre Mooring einsame Runden des Wartens auf einen neuen Eigner gedreht hatte. Die Olgalou hat nun eine neue Besitzerin, die infolge der Pandemie ihr Schiff offenbar wohl noch nicht in Besitz hat nehmen können.
Inga und Vassil sind nach 10 Jahren Bordleben in die Heimat zurückgekehrt, wo Inga durch ihre Zauberkünste eine kirchliche Baustelle in Wuppertal hinter einem Dschungel verstecken konnte.
Andere Segler haben ihre Schiffe örtlichen und internationalen Brokern übergeben, etliche wurden zwischenzeitlich zu nahezu unglaublich niedrigen Preisen verkauft, etliche Eigner haben mit den letzten Flugzeugen im Frühjahr 2020 das Paradies verlassen können.

In Panama haben sich viele Segler versammelt, denen die Unsicherheit über die weitere Entwicklung die Pläne durcheinander bringt, denn die Optionen sind spärlich, die Anzahl potentieller Ziele endlich.


Nike Steiger verbringt viel Zeit auf den Perleninseln, die Optionen für den weiteren Verlauf ihrer Reise sind bislang keineswegs publik, vermutlich weil sie selbst eine Entscheidung noch nicht hat treffen können oder wollen

Von Hawaii haben etliche Segler die Reise in den Norden angetreten, um an der Canadischen Westküste den Weg nach Süden anzutreten. Der Blog der SV Dada Tux beschreibt eindrucksvoll, was Segler dort zu erwarten haben.

Die Welt ist klein geworden, unbeschwerte Reisen nach Westen derzeit kaum sinnvoll oder möglich, zumindest wenn man die Optionen realistisch zu betrachten willig und in der Lage ist.

Vielleicht am besten, darauf zu hoffen, dass die Freiheit auf den Meeren wieder ein wenig unendlicher werden wird … ganz wie in unsere alt gewohnten Träumen … die unsere Tage seit Jahrzehnten erträglicher gemacht … träumen wir einfach weiter!

Hamburg 13.12.2020
Peter Foerthmann

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