Achillesfersen

SEEGRAS – TREIBGUT – WASSERBALKEN
Wasser hat keine Balken, das Gegenteil scheint bewiesen, denn wenn Schiffe urplötzlich an Fahrt verlieren, werden sie meist von unten festgehalten. Treibgut, Fischerleinen, ganze Netze in Fetzen, die durch Auftriebskörper nach oben streben, von Abfall oder alten Matratzen, und, wenn´s dicke kommt, auch schon mal Container, die unartigerweise ihren Stellplatz an Bord verlassen und als Halbtaucher nur darauf zu warten scheinen, dass ein Unglücksrabe sie auf die Hörner nimmt. Pures Glück, wenn man am Ende einer Reise angekommen, ohne von dummen Erlebnissen berichten zu müssen. Aber ist das wirklich Glück? Untersuchen wir den Fall.
An dieser Stelle bekommt der Chronist Schluckauf, weil es auf See eigentlich keine Überraschungen mehr geben kann, weil alles schon mal dagewesen ist – jedenfalls, wenn man so ehrlich ist, seine Gedanken schweifen, d.h. seine Sorgen – und sein Wissen! – von der Leine zu lassen. Ich beschränke mich hier auf den einen Satz, der alle Probleme auf einmal auf die Hörner nimmt, denn ein Schiff mit langem Kiel drückt Unrat jeder Art nahezu unmerklich nach unten oder zur Seite … ohne dass dies an Deck oder schlafend in der Koje überhaupt bemerkt würde … weil das Schiff einfach nur ruhig weiter segelt! Muß einfach nochmal gesagt werden, um im Nachfolgenden zu verdeutlichen, welche Mühen und Sorgen Eigner von modernen Schiffen zu gewärtigen haben, um lange Reisen über offenes Wasser erfolgreich zu bestehen. Denn, nicht wahr, Schiffe moderner Bauart sind unter Wasser voller Widerhaken, die durch die See harken, dabei Unrat sammeln, wovon Millionen Tonnen um die Kontinente driften, was wir bereits hinlänglich wissen. Als wäre das alles noch nicht genug, hat die Natur seit einigen Jahren nun auch noch Seegrasfelder gezüchtet, bzw. auslegt, um den Segler auch noch mit Grünzeug auf See zu ärgern, d.h. seine Aufmerksamkeit einzufordern, alternativ ihm den Schlaf zu rauben.

Die Rede ist von den Achillesfersen von Schiffen, von denen einige bereits abgehandelt wurden

Wasserbremsen

Wollen wir gemeinsam einen weiteren Ausflug machen?

Ohne hier immer wieder die Vorteile eines langen Kiels zu repetieren – eine Freiheit, die mir erlaubt sein sollte! – sind derartige Kielformen generell als vorteilhaft zum Schutze aller dahinter liegenden Extremitäten zu bezeichnen. Womit sofort verdeutlicht wird, dass jedwede Extremität seitlich dieser Schutzzone, ziemlich nackt und ungeschützt im Strömungsbereich des Wassers liegt, wie z.B. Doppelrudersysteme, bei denen das leeseitige Ruder im Wasser seine Arbeit macht, derweil das luvseitige wie beim Flugzeug … die Luft bewegt … okay joking!

Die Schlaumeier bei der VENDÉE haben darum schon lange ihre Ruderkonstruktionen beweglich gestaltet, womit dann ein Ersatz nach Kollision mit Treibgut zur vergleichsweise einfachen Übung wird. Zu beachten, dass derartige Ruderkonstruktionen häufig sogar mit Überlastungsschutz ausgestattet sind, womit dann bei Kollision das Ruder nach achtern schwenken kann … und – so die Hoffnung – unbeschädigt bleibt.
All dies sind Träume, die für ernsthafte Langstreckensegler Träume zu bleiben haben, weil derart aufwendige Ruderkonstruktionen seriell nicht in Erwähnung gezogen werden – können. Es bleibt zu konstatieren: Schiffe mit doppelten Hauptruder bei nur einem Kiel, besitzen eine weitere Achillesferse, weil diese Ruder ungeschützt jeglichen „Wasserbremsen“, also schwimmendem Unrat ausgesetzt sind. Das folgende Video verdeutlicht das schmerzhaft.

Es kann nicht unerwähnt bleiben, dass aussermittig installierte Windsteuersysteme exakt den gleichen Gefahren ausgesetzt sind.
Kollisionen mit Treibgut stellen unerhörte hohe Ansprüche an die Befestigung der Systeme am Spiegel, die ja auf keinen Fall herausreissen sollten, wie es vermutlich vor der finalen Havarie der SV Plan B geschehen ist. Ich sollte nicht vergessen zu erwähnen, dass bei modernen Serienbauten die Spiegelflächen nahezu ausnahmslos nicht für derartige Lasten dimensioniert sind bzw. ausgelegt werden, nicht ohne Grund empfiehlt der Hersteller Hydrovane enorme innenseitige Spiegelverstärkungen zu installieren, denn bereits für die Übernahme einfacher Steuerfunktion hat die Systembefestigung von Hilfsrudersystemen enorme Lasten zu tragen.

Havarien


Es ist heute ein Faktum, dass auf den Meeren Seegrasfelder in gewaltigem Ausmass die Aufmerksamkeit der Segler erfordern, wollen sie dort nicht „hängen“ bleiben, bzw. ihr Unterwasserschiff zunehmend häufig durch Tauchen von den Tentakeln der Meere freizuhalten.
Darum gilt mein besonderes Augenmerk seit Jahrzehnten den Balancerudern, deren Vorkante dicht unter dem Rumpf einen Spalt besitzen, der als Rattenfänger für Unrat, Leinen und Seegras irgendwann das ganz Ruder ausser Kraft zu setzen in der Lage ist. Auf meinen Hanseaten war zur Entschärfung dieser Gefahrenstelle stets der Schlitz durch einen dreieckigen Abweiser in Form eines Knotenbleches „entschärft“.

Im Cruisersforum ist folgende Begebenheit nachzulesen:

We have a Hydrovane on our boat and have found it to catch sargassum weed in such a degree that it no longer can steer the boat.
When crossing the Atlantic in 2017 we at times had to clean it every 5 minutes.
It is so frustrating when you sail around the clock and you have to be on the alert for this type of problem. We are a short handed crew and need all the rest we can get. It has happen more than once that the boat has taken a tack by herself when the vane is out of control. It’s worse if you sail with a gennacker. Then it can take some time before you get back on track.
I find this unacceptable. It is dangerous hanging over the side trying to free the rudder from the sargassum weed. You risk breaking a rib or two or falling over board, sails may get damaged and you are deprived of the rest you so badly need.
I have explained this to John at Hydrovane and suggested they would redesign the rudder with a taperd leading edge so that the grass will travel down and under but they seem not interested in doing anything to rectify the problem.
I realise that a redesign may not be a simple task and would certainly need thorough testing but this problem is not going to disappear. It will probably get worse.
I have talked to a number of people with Hydrovane’s and I am not alone having trouble with weed.
Our vane is mounted off centre, which is one of the key features according to the Hydrovane home page. It may be a less of a problem with centre mounted since you then have the keel and the rudder in front to clear the way for the wind rudder.
Are there others out there with the same problem and if so did you have a remedy to get the gear working when confronted with this weed ?
/Hans

Naturgemäss sind Pendelrudersysteme mit leicht nach achtern gestelltem Ruderschaft bzw. einer Rutschkupplung für das Freigeben von Treibgut, zumindest besser geschützt vor Schäden … wenngleich sie nach dem Auslösen von Hand wieder in ihre Arbeitsposition zu bringen sind. Nicht wahr, in derartigen Fällen wird die Crew jederzeit vorgewarnt, weil ein Pendelruder nach der Auslösung ja nicht mehr steuern kann … und der Lärm flatternder Segel den ruhigen Schlaf unter Deck ohnehin unmöglich macht.
Es ist keineswegs eine neue Erkenntnis, dass jede Wahl für oder gegen ein Schiff einen Kompromiss bedeutet, den man tunlichst kennen sollte. Das gleiche gilt für die Wahl einer Windsteueranlage, die, nach meinem Dafürhalten stets in der Mitte montiert werden sollte, wie ich es seit Jahrzehnten predige. Wenn nun allerdings aus naheliegenden anderen Gründen, die meist den Namen Badeleiter oder Badeplattform tragen, eine seitliche Montage bevorzugt angeraten wird, sollte an dieser Stelle erlaubt sein, auf die Schattenseiten derartiger Montagen hinzuweisen.

Also gilt auch in diesem Fall die Qual der Wahl, für oder gegen wichtige Argumente, deren Ende stets den Namen Kompromiss zu tragen haben.

Dies als Wort zum Sonntag Abend.
25.04.2021
Peter Foerthmann

1 Antwort zu Achillesfersen

  1. Ja, ja… die „Badeplattform“ zwingt – aus welchen stupiden Gründen auch immer – wichtigere „Anhängsel“ nicht mittschiffs zu platzieren. Häähhh… was ist den nun eigentlich wichtig?
    Dass die Bordjungfrau sich achtern schön braun braten lassen, die zarten Füsschen im kühlen Wasser schwenken darf, oder die Funktion eines für ein Schiff wichtigen Ausrüstungsteils?
    Und das eine seitlich angebrachte WSA eigentlich aus hydrodynamischen Gründen ein Blödsinn darstellt, wird nicht mal von der Serien-Boots-Werften angesprochen. Eigentlich ein Armutszeugnis, oder bin ich einfach schon „old school“?

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