Sarah Schelbert

TOUGH – TOUGHER – SARAH

Es begann ganz harmlos im September des vergangenen Jahres:

Hallo lieber Peter Förthmann, mein Böötchen ist 36ft length overall, knapp 9ft breit. Sie wurde von Alan Gurney designed und 1961 im Hinrichsen Boatyard in Dänemark fertig gestellt. Leider in den letzten 10-15 Jahren stark vernachlässigt und nun musste ich eine ziemliche Generalrestauration durchführen. Alani liegt im Rio Dulce in Guatemala, noch mast- und motorlos, aber hoffentlich bald gut ausgerüstet für viele kommende Abenteuer. Und – da ich sie auch alleine segeln werde, brauche ich dringend einen Windpiloten. Mein großes Idol Nike Steiger hat das Modell Pacific von euch, welches ich auch für Alani als passend erachten würde, was meinen Sie?

Harmlos, weil es sich, wie beim Murmeltier, um die immer gleiche Frage einer Heckverzierung dreht, die den Spiegel ziert, hinter dem sich ein ganzes Schiff versteckt, dessen Skipperin mit geschlossenen Augen segeln will, damit sie die grausame See nicht dauerhaft anzusehen hat. Soweit so einfach – keine Wolken an der Beratungsfront.

Was mich however dann doch zutiefst erschütterte, war die ungeheure Tragweite der Entscheidung einer jungen Dame, einem betagten Holzschiff bei sengender Hitze unter Urwaldsonne, zu einem Zweiten Leben zu verhelfen – besser, die diese Herausforderung mit allen Höhen und Tiefen bereits durchlebt und schon Licht am Ende des Tunnels sehen kann. Immerhin habe ich in meinem Leben schon zu viele Schiffe am Ende ihres Lebenstage gesehen, bei denen Aufwand, Kosten einer Totalüberholung in aberwitzigem Mistverhältnis zum Wert der Yacht gestanden haben, weshalb ich sie stets frech als zum „Osterfeuer“ geeignet, apostrophierte.

Die Alani schwimmt bereits und erfreut ihre Eignerin durch wundervolle Linien. Donnerwetter, schlaue Ratschläge waren also völlig unnötig, offene Bewunderung und Respekt war angebracht.

Ein Holzschiff Revival unter Tropensonne mitten im Urwald – fernab von Beschaffung und Versorgung, in einem Land, bei dem sogar UPS graue Haare bekommt, und sich jede Transportleistung in Gold aufwiegen lässt.

Meine Neugierde war aufgewacht, ich wollte ein wenig mehr erfahren. Es sollte sich lohnen. Hier ist die Geschichte einer jungen Frau, die ihr Leben sprichwörtlich in die eigenen Hände genommen hat, der ihr Frohsinn ins Gesicht geschrieben steht.

Sarah ( 29 ) hatte mit 25 Jahren in Deutschland ihr Studium der Literatur und Politik abgeschlossen, fühlte Unruhe und Abenteuerlust, wollte keinesfalls in ein bürgerliches Leben hinein versinken, dessen Stationen vorgeprägt hinter jeder Hauswand lauern. Wech … war der Weg! Am liebsten nach Mittelamerika, Surfen, Maya Kulturen erforschen, Menschen kennenlernen, Spanisch verbessern. Für Menschen mit dünnem Budget, sind die Kanaren noch immer ein Geheimtipp, auch wenn die realen Chancen auf eine Mitsegelgelegenheit immer weniger rosig werden. Eine Regel, bei der freche, selbstbewußte hübsche junge Damen, eine Art Wegerecht besitzen, auch wenn sie sich danach ihrer eigenen Haut ggf. wehren müssen, es sei denn: sie wollen das nicht.

Sarah brauchte nicht lange zu warten, bereits nach 14 Tagen hatte sie Platz und Koje in der Crew der 87 ft ARIA gefunden, einer luxuriösen Palmer Johnson Traditionsyacht mit allen bells and whissles. Next port Grenada.

Dort angekommen, ergab sich schnell der Wechsel auf die LIZZY BELLE, einer Herreshoff 28, die für 18 Monate ihr neues Zuhause werden sollte. Praktischerweise hatte der Skipper ihr Herz erobern können und so hat sie in der folgenden Zeit hands-on-segeln, maintenance und wood working auf traditionellen Schiffen gelernt. Gemeinsam haben die beiden in Nova Scotia viele Monate verbracht und auf der SORCA, einem 78 ft wooden Schooner ihren Lebensunterhalt verdient.

Das Beziehungsende führte sie zurück in die Heimat, wo umgehend neue Pläne geschmiedet wurden. Es folgten zwei Monate als Deckshand auf der EYE OF THE WIND durch die Karibik und am Ende landete Sarah im Rio Dulce, Guatemala, wo die neuen Eigner der Lizzy Belle bereits auf sie warteten.

Auch ALANI drehte dort träge Runden um den Anker, an Bord ihr Eigner, dem sein Schiff bereits zur Last gefallen schien, denn es war sichtlich in desolatem Zustand, vermutlich der Grund, warum das Schiff zum Verkauf angeboten war. Ob es der Rat der Freunde gewesen ist, oder der unbändige Wunsch, ein eigenes Schiff zu besitzen, obgleich weder genug Geld vorhanden war, noch die Fachkenntnis, um ein Total Refit auf die Beine zu stellen. Es wird wohl am Ende der verlockende Preis gewesen sein, der Sarah zur Unterschrift verleitet hat, ihre Bedenken wurden offenbar sämtlich durch Euphorie sediert. Plötzlich hatte sie ein Schiff, wenngleich keineswegs segelklar, einer verstorbenen Maschine, einem schwimmenden Mikrokosmos dessen feuchtes Überleben durch unzählige Lecks gesichert war. Aber immerhin: ein Schiff!

Das Erwachen kam mit dem Holzhammer: weil Holzbootsbau in Guatemala unbekannt war, wurde das Schiff zunächst nach Belize verholt, wo hölzerne Fischerboote noch heute auf dem Strand repariert und gebaut werden. Dummerweise war der Kiel der Alani für eine Reparatur auf dem Strand recht hinderlich, weshalb sie nach Rio Dulce zurück gesegelt wurde – unter ständigem Lenzen.

Für mich grenzt es an ein Wunder, wenn man bedenkt, welche Arbeit Sarah innerhalb von nur 14 Monaten geleistet hat, denn sie hat ihr Schiff nahezu vollständig entkernt, ganze Planken Gänge und Spanten, sowie das komplette Kockpit, Ruder samt Schaft erneuert und am Ende dem Schiff „ein Hemd aus GFK Matten“ unter Verwendung von Epoxy angezogen, einem Verfahren, das wir an der Norddeutschen Küste früher schon mal als Leichenhemd bezeichneten, jedenfalls wenn man nicht einige recht besondere Spielregeln befolgte. Immerhin, die Alani schwimmt seit Februar 2018, hat eine blitzblanke neue rote Maschine, wartet ungeduldig auf die an Land frischlackierten Möbel, sowie andere Kleinigkeiten und Notwendigkeiten, die in steter Reihenfolge nahezu jeden Tag neu um die Ecke kommen.

Das für diese ungeheure Kraftanstrengung notwendige Kapital verdient Sarah sich als Captain auf Charterschiffen in Belize, auf denen sie regelmäßig Dienst versieht.

Wenn Alani dann dereinst segelklar sein wird, hat die innere Stimme von Sarah vermutlich bereits den Kurs vorgegeben: es soll nach Westen gehen. Der Steuersklave ist bereits an Bord, er ist kürzlich über Miami in Guatemala eingetroffen, muss jetzt nur noch am Heck festgeschraubt werden, damit Sarah beim Segeln dann schlafen gehen kann.

Wie es weitergeht, wird hier zu lesen sein … versprochen!

Peter Foerthmann

2 Responses to Sarah Schelbert

  1. Christoph Vougessis sagt:

    Wow, was für eine Leistung! Ich bin ziemlich sprachlos… Und was für ein schöner Lebensrhythmus. Ich wünsche immer fair winds und ganz viel Spaß und Glück für die Zukunft.
    Es grüßt,
    der Christoph

  2. Thomas SV Rodspaetten sagt:

    Bewunderung für eine solche Leistung und Einstellung. Da kommt man(n) sich, mit einer etwas besser ausgestatteten Börse, richtig schwach vor. Solche Menschen/Frauen braucht die Welt dringendst. Hofffen wir, dass sich hier eine tolle Lebensstory, die sich erst Mal mit Segelerlebnissen abspielt.

    Schön auch von Dir, dass Du solchen Storys immer auch ein Plattform bietest.

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