Turbulenzen

TURBULENZEN UND KONSEQUENZEN
Wer hätte denn je gedacht,
dass ein neuartiger Virus soviel Ärger macht,
der obgleich neu, ganz und garnicht artig ist?
Aus der Ferne nur am Rande wahrgenommen
ist er völlig unverhofft,
wirklich und plötzlich,
in unserem Leben angekommen,
hat die Welt in Unordnung gebracht,
und unseren Gewohnheiten ein Bein gestellt.

Wer hätte denn je gedacht,
dass die Welt eine Vollbremsung macht,
uns zwingt, egal ob mit oder unberingt,
wochenlang nur Tapeten zu betrachten,
auf einander zu achten oder zu schmachten
und dabei angelegentlich zu entdecken,
dass auch kleine Dinge unser Herz entfachen,
weil die grossen Ziele plötzlich weit entfernt
weder mit Silbervögeln noch schwimmenden Untersätzen
zu erreichen sind?

Wer hätte denn je gedacht,
dass wir alles noch mal neu zu denken haben?
Von einem ganz anderen Ende,
aber welches, bitte schön, sollte das sein?
Alles auf Anfang,
aber wo fangen wir an?
Reflexion vor unserem Spiegelbild,
das wäre meine persönliche Option,
weil wir die Antworten fast sämtlich in uns tragen.
Kein Grund also, sich aufzuregen oder zu verzagen!

Wirklich nicht? Ich fange bei mir an, weil ich mich am besten kenne. Ich baue windige Piloten, fast so lange, wie ich denken kann. Ich kenne meine Fähigkeiten, habe Selbstvertrauen the hard way erlernt, weil ich jahrelang immer nur als Menschen Zufriedensteller aktiv – darüber erst später zum Versteher und Durchblicker geworden bin. Ich erlebe seit Wochen ein deja vu, weil sich in erstaunlicher Weise, bekannte Gedanken plötzlich vor meiner Nase ranken und in meinem Kopf rumtanzen, sich wiederholen bzw. sich im Kreise drehen. Habe ich was falsch gemacht? Negativ, weil ich beruflich mit beiden Beinen an Deck geblieben, mir keine Flügel gewachsen sind.

Machen wir das Beste draus, das war mein erster Gedanke, vielleicht die Zeit, endlich mal die Dinge zu sortieren, die ich mir lebenslang für´s Alter vorgestellt: Fotos sortieren, sichten, Gedichte repetieren, grinsen und reflektieren. Wie aber soll das klappen, wenn vergilbtes Altpapier, in der Sonne gewellt, die Farben bereits aufgehellt, auf den Tag der Tage warten, wofür niemals die Zeit gewesen ist, sich darüber Unmengen angehäuft, man fast mutlos werden könnte? Nicht zu reden von unzähligen Ordner gerahmter Dias, sodann Festplatten oder ominösen Chips? Eine Selektion schicker FotoSchüsse ist ohnehin bereits über Jahrzehnte in meinen Alltag eingeflossen, allein dieser Blog birgt schönes AugenFutter um jeden Text zu umranken und freundliche Gesichter zu zaubern. Jedenfalls Fotos sortieren – wollte ich nicht.

Stunde Null, das war der Tag, an dem uns der Stecker gezogen wurde – wir plötzlich in einer stillen Stadt ohne Verkehr auf den Strassen und über den Köpfen aufgewacht, sofort gedacht: was ist hier verkehrt, was fehlt, woran könnte man sich gewöhnen – und woran nicht? Alles plötzlich anders – über Nacht. Während ich das noch so gedacht, mir ausgemalt, dass dies ganz exakt der Situation entspricht, die mich seit Jahrzehnten beschäftigt hat, was nämlich wäre geschehen, wenn ich meinen Betrieb vergrössert, die Wertschöpfung des Betriebes in Betriebserweiterungen umgewandelt hätte, wie es in jedem Lehrbuch steht? Ich wäre in die gleiche Malaise hineingerutscht, die Millionen kleiner Unternehmen heute erleiden, deren Kostensituation der eigenen Zukunft entgegenstehen. Wir sind mit Wonne ein Pupsladen geblieben, eine Manufaktur mit industriellem Netzwerk, das national übersichtlich funktioniert, bei dem es Unterbrechungen von Lieferketten nicht geben kann, wenn man davon absieht, dass ein Lieferwagen schon mal einen Plattfuss erleiden kann.

Meine Lebenserfahrungen mit Menschen, beruflich und privat, haben schon früh den für mich richtigen Weg gewiesen, haben in meinem Kopf den Schalter umgelegt, nachdem ich zu erfahren hatte, wie übergriffig Menschen sind, die nur der eigenen Nase zu folgen bereit und in der Lage sind. Unabhängigkeit in der Entscheidung ist mir wichtig, weil ich damit auf Marktveränderungen flexibel reagieren kann. Fängt damit an, dass ich meine eigene Suppe stets nur alleine auszulöffeln hatte, unbelastet von Verantwortung – und Vorwürfen? – von Mitarbeitern, die mir kollateral ihre Erwartungen obendrauf geladen hätten. CEO mag ein schicker Titel sein, dessen Kehrseiten allerdings meist im Dunkeln verborgen, sodann Langzeitfolgen und Sorgen mit sich bringen, denen man nicht entrinnen kann. Gar nicht meine Welt, jedenfalls solange ich meine Händen noch gelenkig bewegen kann und im Kopf nicht tütelig, den eigenen Namen vergesse.

Die derzeitigen Marktveränderungen sind in einer Form einschneidend, für die es keine Vergleiche gibt. Die Veränderungen in Bezug auf den Nischenmarkt von Windsteuersystemen allerdings sind nur sequenziell, weil dieser Markt anderen Gesetzmässigkeiten folgt, weil er weder einer Mode, noch kurzfristigen Strömungen unterliegt, weil die Produkte langlebig, anderen Zyklen folgen. Komplett aus der Zeit gefallen – dieser Gedanke drängt sich immer wieder auf! De facto muss für jede WSA exakt genau ein neuer Kunde gefunden werden, weil ein Segler in der Regel nur einmal in seinem Leben kauft. Dies über Werbung und Marketingmassnahmen zu forcieren, würde zu einem teuren Unterfangen, weshalb ich den Seglern diese „Arbeit“ überlasse, was kostensparend dafür sorgt, dass ich meine Preise über viele Jahre stabil habe halten können, mit Folgen für Marktbegleiter, die sich daran zu orientieren haben. Vermutlich ein Alleinstellungsmerkmal in dieser Zeit.

Der Vergleich von WSA gegenüber den Entwicklungen in anderen Wirtschaftszweigen zeigt, dass ich hemmungslos dem KISS Prinzip verfallen bin, mein leuchtender Lebensfaden, der mir auch in anderen Lebenslagen zu Hilfe kommt, wenn es gilt, Entscheidungen zu treffen. Ohne mich als analog zu verraten, kann KISS auch im täglichen Leben als reissfester Faden Verwendung finden. Es sei erlaubt, an dieser Stelle eine Kapriole zu schlagen:

Vielleicht werden uns bald Schiffe – ähnlich wie bei Autos! – warm ans Herz gelegt, die von Geisterhand selbst rückwärts einzuparken in der Lage sind? Müssen wir überhaupt noch aus dem Auto steigen, derweil unsere Yachten bereits alleine aus dem Hafen kommen? Könnte man nicht, mit dem Hintern an der Heizung, über Spielkonsole vom Sofa aus den Sturm durchstreamen? Auch die Quarantäne Frage hätte sich dann ad hoc erledigt, weil nur noch Geisterschiffe unterwegs, deren Kurs, im Falle drohender Kollision, über AIS zu korrigieren wäre. Funzt bei Flugzeugen doch auch!

Sowieso eine völlig verdrehte Welt, in der man vom Decksalon bequem den Hafen überblicken kann, derweil in der 220 V Einbauküchenröhre der Braten köchelt, man am Ende des Tages warm geduscht und frisch geföhnt dem Sunset bei eiskaltem Champagner im Kockpit zuprosten kann. Alles qua Iridium hochauflösend dokumentiert, damit die Insta-Fazzebook community ihren Neid geniessen kann, ohne den ja keiner weiss, wofür man den ganzen Aufwand betreibt, bzw. wofür sich das Leben sonst noch lohnt! Alles eine Frage der Perspektive.

Überspitzt, ich weiss, aber zumindest erkennt man den Aberwitz, der uns allen auf den Hacken sitzt, derweil wir alle zu schwitzen haben, um über die Bordsysteme die Kontrolle zu behalten. Die Praxis war bislang alljährlich auf den Stegen von Las Palmas zu besichtigen, wo Heerscharen von Service Technikern ihren verzweifelten Kampf gegen unartige Technik zu fechten hatten, Hauptsache die Toilette funktioniert, alles andere regelt der Veranstalter, falls unterwegs was daneben geht. Kiss bleibt den Geschlechtern überlassen, weil auf smarten Schiffen mit diesem Begriff keiner etwas anzufangen weiss.

Demgegenüber sind Segler, die seit Jahrzehnten ihren Schiffen treu, die sie als Mitglied der Familie im Herzen tragen und mit den Händen treu versorgen, die ihnen im Gegenzug unbeschwerte Zeiten auf See ermöglichen, zu einer schwergewichtigen Community gewachsen. Ihre Schiffe wurden solide gebaut zu einer Zeit, als KISS erdacht, weil Segeln damals nur mit einfachsten Mitteln möglich und meist auch mit handwerklichem Einsatz verbunden gewesen ist. Denn, nicht wahr, Segeln geht einfach, wenn man nur ein paar Grundregeln akzeptiert – und auf See danach lebt, wie Kicki Ericsson und Thies Matzen auf der SV Wanderer es seit Jahrzehnten praktizieren. Es ist die Zeit, in der Windsteuersysteme eine logische Erfindung gewesen sind, um weite Reisen überhaupt möglich zu machen. Was sich daraus entwickelt hat, kennt ein jeder, wenngleich die Spielregeln der See eigentlich unumstösslich geblieben sind. So konnte sich ein Disput entwickeln, den ich als ständigen Kompromiss jedem Segler vor Augen führe, wenn ich ihn mit Frage und Antwort spielerisch umgarne, und ihm die jeweiligen Konsequenzen – schon mal drastisch – vor Augen halte. Einer meiner Lieblings Vorschläge, wenn zwei Leinen, die zur Kraftübertragung einer Pendelruderanlage zum Hauptruder hier oder dort als störend bezeichnet wird: vielleicht wäre dann der Wechsel zum Power Boat eine gute Alternative, weil dort auf See an Deck nur noch Platz für Nixen ist … im Bikini. Auch die Diskussion um smarte Autopiloten hat sich geräuschlos erledigt, weil 100% aller Käufer einer WSA diese Schlausysteme bereits an Bord besitzen.

Ich jedenfalls habe einen Cut gemacht, verweigere mich hier und dort dem Worte Smart, das mir als Gegenteil von Kiss mein Leben durcheinander bringt, weil ich mich am Ende als der Dumme empfinde, obgleich man mir die Chose anders herum erklärt. Für mich bedeutet Smart ein Leben mit nach unten offener Hose, weil sich zu Vieles meiner Kontrolle entzieht. Darum gefällt mir auch das Wort Cloud recht wenig, obgleich ich weiss, dass ohne Wolken nix mehr geht. Aber, wer hat dort oben die Kontrolle? Ich jedenfalls nicht, zumal mir der Gedanke an Metadaten Gänsehaut erzeugt… nachdem mir kürzlich bedeutet wurde, dass ich als vulnerabler Teil der Gesellschaft einer schützenswerten Spezies zuzurechnen bin, wobei ich mich frage: wieso meinen die mich?

Bei Windpilot bleibt alles stur in der Spur, einmal abgesehen davon, dass wir neuerdings von Segler Cowboys überfallen werden, die ihren Staubschutz dicht unter den Augen tragen, deren Geschichten ich zum Glück auch aus 2 m Entfernung noch gut verstehen kann, weil mein Gehör noch ohne Gehhilfe funktioniert. Ich beklage mich nicht, dass ich für Aircargo heute Preise zu bezahlen habe, für die ich früher hätte mit der First selbst fliegen können, UPS im Preisroulette immer mal wieder der Sieger bleibt, und entfernte Destinationen … nicht mehr zu befliegen sind, sorry no service! Völlig neu, dass uns aus den USA und Canada vollständige Zahlungen aufs Konto überwiesen werden … mit der Bemerkung: no hurry with delivery. So sieht Vertrauen aus, das auch durch Quarantäne nicht zu erschüttern ist.

Das ist die Botschaft dieses Blogs: alles im Lot bei Windpilot!

Hamburg 12.05.2020
Peter Foerthmann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.