RendevousRendsburg

FORMEL EINS SERVICE STOP

350 Tage ist es her, dass ich in Les Sables diesen freundlich introvertierten Finnen zum ersten Mal Auge-in-Auge getroffen habe. Wie kommt es nur, dass dieser Mann meinen Vorstellungen von Finnen so sehr haargenau entspricht? Die Ruhe selbst, fast bis zum Stillstand, nachdenklich, wach schnelle Augen, knarzend retardierte Stimme – man möchte direkt zur Ölkanne greifen! – der sich an Bord seiner kleinen Yacht so bedächtig wie flink bewegt, dass man sich unwillkürlich erstmal festhalten möchte, um keinen falschern Schritt zu machen. Oder habe ich zu viele Kaurismäki Filme gesehen?

Irgendwann hatte Tapio mir mal ein Foto seiner Lieblingsbeschäftigung geschickt – Kurven im Schnee – auf dem, ausser weiss, ansonsten jede Farbe fehlte – bis auf Tapio – vollkommen deutlich zu erkennen! Ich habe danach verinnerlicht, dass Tapio tatsächlich von Landschaften hingerissen und unendlich begeistert ist. Ich habe selten je einen Mann getroffen, der derart fest und ruhig in der Mitte des eigenen Ich´s verankert ist – fast, dass er schwebt, selbst wenn er steht…

Jedenfalls fühlte es sich an, wie bei alten Bekannten, hatten wir doch zuvor bereits monatelang dünne Drähte zum Glühen gebracht. Wir konnten uns also auf die wichtigen Details konzentrieren: den segelnden Augenschmaus, dessen Deck auf dem Niveau der Steganlagen festgebunden war: ebenerdig, wohingegen andere GGR Schiffe mit der Leiter bestiegen werden wollten, jedenfalls von älteren Familienangehörigen, die ihren „Kids“ zum Farewell nochmal feucht in die Augen sehen wollten! Ach ja, und wir haben dem Sammelsurium von Apparaten am schlanken Ende des Ganzen ein wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Der Platz am Asteria Arsch war knapp, gleichwohl ausreichend, zumal Tapio bei seinen Spaziergängen an Deck am Heck ohnehin nicht viel zu erledigen hatte, abgesehen vom Pinkeln.

Seit gestern weiss ich, dass Tapio die Windfahne seines Steuersklaven seit dem Start niemals abgenommen hat – es ist ergo immer noch dieselbe, fast jungfräulich wie der ganze Rest vom Apparat, abgesehen vom Ruderblatt, auf dem sich Muschelkolonien von der Größe eine Männerkopfes ihr Zuhause eingerichtet hatten, bis die Meute gemeinsam samt ihrem Ruder als Wirt, abgerissen ist. Denn zum Reinigen hatte Tapio das Ruder nie nach oben ziehen können, weil dann dem Sailinggen der Tod durch Kurzschluss im Kabelschuh gezogen worden wäre. Ein Stillhalteabkommen mit dem Zwang zur ruhigen Koexistenz: Steuersklave und WasserKraftMaschine, gemeinsam zum Wohle eines Skippers unterwegs, damit der, unter Einhaltung gesetzlicher Ruhezeiten, seine Reise im rasenden Tempo zu Ende bringen konnte, mit Geschindigkeiten im Bereich von 2 – 3 kn – über Wochen.

Jedenfalls wurde Tapio zum Start damals aus dem Hafen geschleppt, weil sein Lamborghini Diesel – okay okay ich kenne natürlich den richtigen Namen! – nach den ersten Schock auf See schon auf der Anreise nach LSO den Job hingeschmissen hatte, und als Industrie Denkmal, alternativ Sonder Ballast, seinen Skipper still und leise unter Deck begleitet hat. So kam es dann, dass die ganze Welt Zeuge wurde, dass Tapio während der gesamten Reise seine Maschine wirklich wirklich nicht gestartet hat – und französischer DieselRebenSaft Jahrgang 2018 nun bis Helsinki gesegelt wird.

Der Mann hat sich Zeit gelassen, hat auf seiner Rundreise in aller Ruhe Kraftriegel und heimische Leckereien aufgegessen, sich von seinem finnischen ham Radio Operator JARI JUSSILAE von den Geschehnissen aus der Welt vorlesen lassen, auf See rein garnix vermisst, hat Unterwasserflora, Fauna und Fische betrachtet, hier und dort einen von ihn zum Luft holen rausgeholt und aufgegessen, ist kurz vor Schluss sogar auf Sushi umgestiegen, weil die Gasflasche ihren Geist ausgehaucht, – und hat seinem Steuersklaven endlose Stunden bis zum Sandmännchen bei der Arbeit zugesehen, um sich danach unter Deck zum Schlafen zu verkriechen – ach ja, einige Bücher hat Tapio viermal durchgelesen, um ganz sicher zu gehen, dass er den Autor verstanden habe. Es gibt auch zwischen Zeilen immer Neues zu entdecken … Harte Tage insgesamt …

Nein, ich habe mich nicht verhört! Beim Champagner sagte Tapio gestern, dass er wirklich gern einmal durchgekentert wäre, weil er auf diese Erfahrung eigentlich schon lange warte … habe leider leider nicht geklappt. Ein Finne eben! Ansonsten sei das Schiff – z.B. im Kriegsfall! – so ziemlich schnell wieder klar zum Auslaufen, am besten gleich noch einmal ´rum, denn, wie Tapio sagt, er schulde seinem schnellen Schiff doch schliesslich auch mal eine schnelle Reise! Nein ich war nicht betrunken! Es ist alles nur eine Frage des Standpunktes – mein Reden!

Der Asteria wurde in LSO ein neues Lamborghini Herz implantiert. Dummerweise hat irgendein Schlaukopf ein ordinäres Kabel für überflüssig befunden und mit dem Rest vom Schiff sodann nicht verbunden. Es sollte sich im Verlauf der Heimreise nach Finland dann über Nacht herausstellen, dass die Batterien nicht geladen wurden. Gar keine Überraschung für einen Finnen, der schon bei der Ausreise im Südatlantik Probleme mit der Bordelektrik hatte und damals sogar um Erlaubnis bei Don nachgefragt hatte, ob er denn seine Reise nicht als „dunkles Schiff“ ohne Elektrik fortsetzen könne. War aber nicht notwendig, ein defekter Stecker des SailingGen hatte sich in einem verborgenen Winkel versteckt, wo er gefunden wurde. Seitdem liefert der WasserPropellerMann Strom im Überfluss, dass Tapio die vergangene Nacht sein Schiff unter Festbeleuchtung hat liegen lassen … damit die Batterien ein wenig Dampf ablassen konnten. Finnisch eben …

Die Asteria hat eine rasante Fahrt absolviert, hat in Ushant eine ganze Ecke fast über Land abgeschnitten, dem Tidenstrom das blanke Hinterteil gezeigt, ist unter Spi an Dover vorbei gebraust, hat die Ostfriesen Inseln im Minutentakt abgehakt und ist derart rasant nach rechts in die Elbe abgebogen, dass unter Deck das Geschirr aus den Regalen geflogen ist, und vor Brunsbüttel fast mit dem Treibanker hätte bremsen müssen: 10 kn über Grund hat die Asteria noch nie geschafft. Kaum, dass Tapio und sein Mitsegler Petri bremsen mussten, hat der Schleusenmeister erschreckt seine Tore aufgerissen. Ich habe bis dato nicht gewusst, dass man beim Anblick des AIS auch Schwindel Gefühle bekommen kann. Jedenfalls habe ich die Beine unter die Arme genommen, sie in mein Auto gesteckt, um mich selbst nach Rendsburg zu transportieren. Ich war Erster …!

Tapio hat Heimweh, nein joking! Er hat ein wichtiges Date in Mariehamn in überraschend wenigen Tagen. Daher von unterwegs sein inbrünstiges Flehen: My brand new engine needs the 50hrs service incl. change of oil / filter etc. Can you please arrange a Formula 1 – style pitstop engine service??? Hallo? Es sind Kieler Woche preparation days! Alles was Beine und Boote hat, hat Probleme mit Motoren!

Mit vereinten Kräften, unzähligen Absagen bis aus Süd Berlin, heissen roten Ohren, kam am Ende der erlösende Tipp von ROBERT KEIL, doch einfach mal bei BJÖRN HANSEN in Schleswig anzuklingeln. Hatte der Mann bei Niki Lauda gelernt! In der Formel Eins jedenfalls, hätten sie es nicht besser machen können. Die Asteria war noch nicht fertig angebunden, da rollte Björn mit seinem Mitarbeiter vor und hat sich, ohne die Finger zu verbrennen über den heissen LAMBO hergemacht, sodann als Kabelschreck entdeckt, dass man in Frankreich vergessen hatte – oder war das Vorsatz im Rahmen einer Sabotageaktion für Nicht-Franzosen? – die Batterie mit der Lichtmaschine per Kabel zu verbinden – Anfengerfeeler! Oder wird bei Lambo der Strom mit Wifi übertragen? Ich war verwirrt …

Die halbe Nacht in Rendsburg war ein Vergnügen der Sonderklasse, Champagner für alle, obgleich nur Geschirr für einen Einhandsegler unter Deck, ein Löffel, ein Messer, eine Gabel – die Geschirrspülmaschine seit langem defekt, die Gläser hatten sogar ihre Durchsichtigkeit versteckt – die Gehwege an Deck durch lange Segelwürste versperrt – man hätte das ganze Schiff unter der Steganlage durchschieben können, wenn man nur zuvor der Spargel zur Seite geschoben hätte. So tief lag das Schiff im Wasser – wie ein Eisberg, von dem man nur die Spitze sieht. Und oben drauf Tapio, als stolzer Finne …

Jedenfalls wurde die Erdbeerbowle sodann partiell von der Crew gelenzt, was zur Folge hatte, dass Tapio sein Schleusenmanöver im Morgengrauen als Einhand Segler zu machen hatte. Beim Anlegenmanöver war dann sein MItsegler Petri tapfer wieder an den Bindebändern. Ach ja, ich habe mir berichten lassen, dass Tapio in Holtenau den Trick nun raus bekommen, wie man den Rückwärtsgang einzulegen hat. In Rendsburg hatten wir mit 6 Mann nämlich noch vereint gegen den Vorwärtsgang angeschoben, weil der Skippermann den Brems Gang falsch herum verstanden hatte … Excuse me please, I am not familiar with my engine yet … Eine vollkommen verdrehte Welt!

Nach ein paar Lessons in Sachen Navigation für lernbegierige finnische Jungsegler Nebenlieger, ist Tapio samt seiner Frau Vivi sodann Richtung grausamer See aufgebrochen. Next Station Mariehamn please!


Es wird nicht unser letztes Treffen bleiben, zu viele Fäden hängen noch lose in der Landschaft rum, die mit Seemannsknoten verbunden werden müssen, wir haben die Legenden Ende noch nicht alle zusammenfügen können, die Ahnentafeln sind noch nicht aufgebügelt. Tapio hat mich nach Finnland eingeladen, am liebsten würde er gleich zwei Wochen mit mir segeln gehen … um dann final zu klären, ob und wie er seinem windigen Piloten noch optimieren könne … er sei vielfach auch unter verschiedenen Spinnakern tagelang unter Windpilot gesegelt … und frage sich, ob man das Steuern von Hand nicht noch ein wenig verringern könne. Aber ansonsten sei er als Finne auch schon mit 99,9 % glücklich, die sein Steuersklave im vergangenen Jahr habe steuern können. Soll ich wegen 0,1 % wirklich nach Finnland fliegen? Was erwartet mich da … ich meine, ausser Moskitos? Ich habe Angst!

Ich mag Finnen, auch wenn mir – als grosser Latriner – der sprachliche Bezug so völlig fehlt. Der Vorteil, wir reden auf Augenhöhe, weil wir beide im feindlichen Sprachraum unterwegs. Bin schon begierig auf weitere Kaurismäki Abenteuer … und freue mich jetzt noch mehr über Finnen.

Sinniert
Peter Foerthmann

1 Response to RendevousRendsburg

  1. Thomas SV Rodspaetten sagt:

    Herrlich erlebt, geschrieben und, lieber Peter, ist das nicht ein totaler Ersatz für das Gestänker eines anderen bekannten „Segler’s“ aus den grossen USA?
    Sowas bleibt haften und solche Menschen sind es wert zu begleiten, sich den Ar… aufzureissen, dass ihre Probleme gelöst werden, wenn sie den externe Hilfe brauchen. – Bist schon ein spezieller Geschäftsmann. Bleib dabei!

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