Zweitwohnsitze

AB IN DIE HAMPTON´S
Seit Jahrhunderten ein Begriff, der in höheren Kreisen Wohlbehagen erzeugt, der eigentlich nur eine Halbinsel beschreibt, die unvergleichlich weitläufig geraten ist, wo unendliche Strände hinter dem Horizont verschwinden, wo man einsam ist, allerdings ohne Gefahr, sich zu verlaufen, weil der Landstrich schmal und schlank, man stets an der Wand entlang, irgendwann immer wieder nach Hause findet, falls man die Orientierung verloren haben sollte.
Das Beste daran, es liegt bei New York um die Ecke, quasi hintendran, man muss nicht erst mit der Deutschen Bundesbahn über einen Flaschenhals Deich rumpeln, um Sand und Seeluft zwischen den Zähnen zu verspüren, denn die Hamptons sind in rollendem oder, wenn´s besonders eilig ist, fliegendem Blech mit Schraube drauf, einfach und schnell zu erreichen. Zwischen dem hügeligen Hinterland und dem grausamen Nordatlantik erstreckt sich zudem ein langes Paradies namens Long Island Sound, der sich nordöstlich der Mega City mit unzähligen Inseln, Buchten und wundervollen Ecken erstreckt. Ein Platz, an dem man sein Leben und seine Seele baumeln lassen kann, wenn man sich das denn leisten kann.
„Let´s go to the Hamptons“ ist zum geflügelten Begriff avanciert, der Menschen jeder Couleur signalisiert, dass man sich Luxus leisten kann. Sozialprestige, Understatement vielleicht, High Snobiety zuverlässig, Mit-dazu-gehören-wollen, Es-geschafft-haben, das sind die Termini, die in den Köpfen derer geistern, für die der Traum unerreichbar ist, aus welchen Gründen immer. Im Zeitalter einer Pandemie jedenfalls haben viele Bewohner New Yorks der ehemals pulsierenden Metropole neuerdings den Rücken gekehrt und ihren Lebensmittelpunkt an Zweitwohnsitze in der frischen Luft verlegt. Ein Trend, der unverkennbar ist, der in den ländlichen Gemeinschaften und verträumten Orten zu einem steilen Anstieg der Preise für Grundstücklagen geführt hat.
Der Begriff Hamptons lässt sich wie kaum ein zweiter wundervoll skalieren, wenn man ihn stellvertretend für einsame Plätze jeder Art verwendet. Denn, nicht wahr, die Hamptons können überall sein – womit ich hier zum Thema komme. So ist der gesamte US Kontinent von „Hamptons“ umsäumt, insbesondere an der Ostküste reihen sich wundervolle Küstenstriche wie die Perlen einer endlosen Kette aneinander, wo die Zeit stehen geblieben scheint, wo jeder Ort für sich ein Paradies darstellt.
Wie sehr hatten wir uns daran gewöhnt, dass Luftreisen zum Preis einer Taxifahrt zu haben gewesen sind, Wochenendtrips zum Big Apple zum Musthave von Jugendlichen verkommen ist, sei es auch nur, um das meist geliebte Gesicht als Vordergrund auf dem Smartphone zu verewigen. Atemlose, exotische Reiseziele wurden massenhaft besucht, nicht immer nur, um dort endlich einmal auszuschlafen, hingegen Ziele wie Trophäen aneinanderzureihen um ggf. die eigene Legende ein wenig aufzubretzeln, das Ego kurvig imposanter, tindertechnisch interessanter, den Marktwert zu optimieren? Nein, mein Moralzeigefinger steckt in der Hosentasche!
In den neuen Zeiten von heute, wachsen Begriffe wie Luft, Raum und Platz zu einer neuen Dimension in unser Bewusstsein. Die drängende Enge von Menschen, die vormals ein jeder suchte, um dort seiner Einsamkeit ein wenig zu entfliehen, wo enge Bahnen, Busse, Fahrstühle und Partygedränge stellvertretend soziale Nähe haben erzeugen können, ist eine abrupte Trendwende eingetreten. Wir sind nachdenklich geworden, empfinden Menschen im Nahbereich nun als störend, manchmal sogar als Bedrohung – wir realisieren widerstrebend! – dass Nähe durchaus auch lebensgefährlich werden kann.
Um das Beispiel von den Hamptons noch einmal zu strapazieren, scheint mir erwähnenswert, wieviel Zeitaufwand, alternativ welche Distanzen zu überwinden sind, um zwischen einem Wohn- und oder Arbeitsplatz in eine Umgebung zu gelangen, in der Erholung möglich ist. Von Manhattan Downtown bis nach East Hampton sind es gerade mal 102 Meilen, mit dem Wagen in 2 Std abzusitzen. Vermutlich liegt hier der Grund für die ungeheure Attraktivität ähnlicher Lagen, weil sie so leicht zu erreichen ist, jedenfalls solange die Blechlawine rollt und kein Schesla unter Autopilot quer auf der Kreuzung steht.
Auf Europa übertragen hat vermutlich Mallorca den Platz der Hamptons eingenommen. Unnötig die heutige Situation zu repetieren, denn die Insellage wurde zur Zäsur, weil man in fliegenden Röhren nicht stundenlang die Luft anhalten kann.
Im Kontext all dieser Überlegungen scheinen Segler und Wassersportler heute privilegiert, da ihre „Zweitwohnsitze“ egal wie klein oder gross, sie von Land und Leuten genügend distanzieren.
So gesehen, und das ist der Sinn dieser Zeilen, ist unsere Zeit auf dem Wasser nochmals wertvoller geworden, weil wir dort jeden Abstand bewahren können, ohne ihn zunächst behördlicher Definition zu unterwerfen. Denn, nicht wahr, auch ein kleiner Paddelgang auf SUP oder Schwan zum Treten, alternativ jedweder schwimmender Untersatz bringt uns von den Gefahren weg … die wir nun erkannt, die wir damit bannen können.

Mein Wort zum Sonntag.
22.11.2020

Peter Foerthmann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.