Rüdiger Nehberg

RÜDIGER NEHBERG – EIN NACHRUF

Und plötzlich ist er weg! Es ist erst wenige Wochen her, dass wir diese Nachricht erhalten haben:

Lieber Peter, liebe Marzena,
Ihr dachtet, ich wäre gestorben? Weit gefehlt. Aber mit der Arche haben wir zeitlich umdisponiert. Ich werde am 4.Mai 85, und das wollen wir etwas größer angehen, denn ich werde kein zweites Mal so alt.
Zum einen kommt im April mein neues (letztes???) Buch raus: „Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen“. Das ist ein altes Beduinensprichwort und hängt zusammen mit meiner Vision, den saudischen Kronprinzen dazu zu bewegen, weibliche Genitalverstümmelung von Mekka aus zu ächten.

Zum anderen wollen wir zu meinem Geburtstag dann die Arche präsentieren und zum Hafengeburtstag ausstellen. Fahren werde ich erst ab Mitte Dezember… ich will einfach noch Mal los. Ich werde sie jetzt auf meiner Wiese bestmöglich fertig bauen. Für den Straßentransport ist das Ding allerdings zu groß, weshalb wir es in drei Teile zerlegen und im Hafen dann zusammenfügen werden.

Bleibt es noch dabei, dass Ihr mir eine alte Windpilot raussuchst? Ich würde Euch Bescheid geben, wenn ich hier klar zur Montage bin. Wenn Ihr das Vehikel vorher hier anschauen wollt, packe ich schon mal die Thermoskanne, Ihr bringt den Kuchen mit, wie gehabt.
Fühlt Euch gedrückt von Eurem
Rüdiger

Und nun ist alles anders! Eine lebenslange Freundschaft hat ein abruptes Ende gefunden, gemeinsame Erlebnisse sausen im Zeitraffer durch unsere Gedanken, wir können es eigentlich nicht fassen. Uns kommen die Gespräche wie gestern vor, als wir uns darüber unterhalten haben, wie denn wohl ein Ende auszusehen habe, bzw. wie wir das Ende gestalten, wenn wir noch Macht zur Gestaltung haben. Als ein Mann, der mit beiden Beinen im Leben verwurzelt gewesen ist, wie kaum ein zweiter, der sein Leben – manchmal „mit leichter Hand“, wie wir es empfunden haben – auf´s Spiel gestellt, sich der Natur und ihren Gewalten breitbeinig entgegen gestellt … wie dieser Mann sich wohl sein eigenes Ende vorstellen würde. Rüdiger´s Antworten waren radikal, keineswegs werde er zulassen, dass jemand anderes als er selbst eine Entscheidung fällen werde.

So huschen nun im Zeitraffer wundervolle Begegnungen vorbei, voller Wärme, voller Überraschungen, voll von berstendem Lebens-Glücks-Gefühl. Wer Rüdiger einmal erlebt hat, wird solche Momente nicht vergessen. Zum Beispiel damals, als er THE TREE das Schwimmen beibringen wollte, er den Baumstamm sorgfältig und unter Schweiss ausgehöhlt, um den Hohlraum sodann mit Schaum zu füllen, alles, um das Freibord ein wenig zu erhöhen. Das Foto vor Dakar zeigt eindringlich, dass der Baum dennoch eher wie ein Eisberg zu grossen Teilen unter Wasser gefahren ist. Aber, er hat immerhin Fahrt gemacht, denn anders hätte der windige Pilot nicht für ruhigen Schlaf sorgen können … mit Sicherheit das ungewöhnlichste Gefährt, dass je mit meiner Heckverzierung ausgestattet worden ist.

Nein, ich verbessere mich: das besegelte Tretboot, mit dem Rüdiger viele Jahre zuvor den Atlantik bezwungen hatte, war ebenfalls ein Unikum und sicherlich ein wenig schneller unterwegs als ein Baum … immerhin, auch dort hat mein Steuersklave seinen Job gemacht.

Für Schabernack war ich immer schon zu haben, weil es so deutlich macht, wie schön das Leben ist, so abseits normaler Pfade – eben! Fast wie Kinder – die wir wohl immer geblieben sind! Begeisterungsfähig und offen für neue Ideen, mit Rüdiger war Spinnen stets ein Hochgenuss. Apropos Spinnen: als Halbstarker Spinner bin ich damals zum Spannen nach Wandsbek Gartenstadt gefahren, denn bei Rüdiger konnte man durch´s Kellerfenster Schlangen und Spinnen begucken, gleich um die Ecke bei seiner Kondidelei, die heute noch seinen Namen in Ehre trägt.


Besuche in Rüdiger´s Wassermühle endeten stets in Verzauberung, weil die Augen soviel Kuckzeug in seinem Refugium zu verdauen hatten. Messer, Speere, okulte Gegenstände in geballter Menge, Rüdiger war ein Sammler … und in 84 Jahren ist eben eine Menge zusammen gekommen. Ein Blick rundum genügte und man musste nicht mehr nach dem Alter fragen, zumal Rüdiger in seiner direkten Art keinen Zweifel daran gelassen hat, dass er ein ziemlich alter Hase sei, in dessen Auge hingegen immer noch der Lebenswille mit Feuer und Flamme blitzte, während er in seiner Birne schon das nächste Abenteuer plante. Leben bis zur Neige, das kennzeichnet diesen Mann, der vor nichts und niemandem Angst zu haben schien. Ein Abenteurer, dessen Leben sein ganz persönlicher Abenteuerspielplatz gewesen ist.


Die eine kleine Frage wird nun wohl auf ewig unbeantwortet bleiben: wie zum Teufel hat Rüdiger es geschafft, seine Typo Rollmütze – Erkennungsmerkmal über Jahrzehnte – niemals vom blanken Kopf zu verlieren, wo dieser zierliche Kopfschmuck doch nicht einmal bis zu den Ohren reichte? Mir kommt dabei sofort die Geschichte von Klein Erna in den Sinn, die auf die Frage, wie sie das gleiche Problem bei Opa gelöst habe, verschmitzt diese Antwort gab: Klein Tapeziernagel!

Rüdiger, es war uns eine Freude!
Hamburg 03.04.2020
Marzena + Peter

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