Najad 320

ÜBER NEW YORK ZUM SEGELN – DAS SCHICKSAL HAT ZUGESCHLAGEN
Diese Geschichte kam unscheinbar auf Sanftpfoten um die Ecke. Ich wurde kürzlich um die Bereitstellung einer Pacific Anlage „gebeten“, und ich habe mich erweichen lassen und eine Lieferung freundlich zugesagt. Es hätte also ein ganz normales Geschäft werden können – aber das wurde nix: es wurde ein Treffen der besonderen Art, das Spuren in vier Seelen hinterlassen hat. Heike und Peter sind aus dem Auto gestiegen und habe unser beider Herzen im Sturm erobert … kein Stutenbeissen unter Damen, keine spitzen Ellenbogen unter Besserwissern, nein es wurde ein fröhliches Treffen auf Augenhöhe – einem der Gründe, warum ich die Lust auf meinen Beruf auch nach so vielen Jahrzehnten nicht verloren habe … und einfach immer weiter mache.

Die Geschichte der Beiden hat mich erschüttert, weil sie beispielhaft erzählt, was man zu erdulden hat, wenn man nach einem A den Rest des Alphabets zu deklinieren hat, wenn man sich erst entschlossen hat, sein Herz ans Segeln zu verlieren.

HEIKE HAT DAS WORT:
Wie kamen wir zum Segeln: Es hat Jahrzehnte gedauert bis zur Zündung, Peter, der sich in Luftspielzeugen mit und ohne Motor bestens ausgekannt und Heike samt Moritz, ihrem 8-jährigen Sohn, wurden zur Jahrtausendwende zum Segeln auf einer Varianta auf dem Wannsee eingeladen. Der erfahrene Skipperhase ließ uns gelassen ans Ruder und das Feuer war bei uns Dreien entfacht, mit Folgen: Zwei Wochen später absolvieren wir auf Gran Canaria unseren Binnenschein auf dem Atlantik und Moritz den Jüngstenschein.
Nach einem Jahr Jolle- Segeln im Verein auf dem schönen Neuruppiner See, einer zufälligen uns angetragenen Segelbeteiligung im kommenden Jahr an einer anderen Varianta, einer herrlichen Urlaubsfahrt mit dieser zu dritt zur Müritz, schlechten Erfahrungen beim Mitsegeln in Kroatien sowie der zwischenzeitlich von Peter und Heike absolvierte Segelschule mit den Scheinen „Sportbootführerschein See“ und „SKS“, fasste Peter den Entschluss zu einem eigenen Schiff. Eine Najad sollte es sein, hatte uns der ältere Segler von Anfang an vorgeschwärmt. Er durfte öfter auf einer Najad 320 auf der Ostsee mitsegeln und hoffte, dass wir diese mal kaufen würden, wenn die älteren Herrschaften sich davon trennen.
Ansehen konnten wir uns dieses Schiff in Berlin – waren damals beeindruckt von ihrer Schönheit und Größe. Es war auch zu kaufen, aber für uns finanziell unerreichbar, sollte es doch mehr kosten als in den achtziger Jahren der Neupreis betrug. Aber so schnell gibt ein Peter nicht auf. Mein Peter entdeckte im Internet Ende 2004 eine Najad 320 zu einem erstaunlich günstigen Preis in Newport, Road Island. Da der renommierte Händler telefonisch versicherte, am Boot seien keine wesentlichen Schäden vorhanden, flog Peter kurzerhand zur Besichtigung in die USA. Ist für ihn ja kein Ding, 20-jährig mit einem jüngeren Freund mit einem sehr alten VW-Bus eben mal nach Indien gefahren, einige Monate dort und in Ladakh unterwegs gewesen, später allein mit einem Käfer nach Dschidda in Saudi-Arabien gefahren, von dort aus durch Afrika getrampt, um den Kilimanjaro besteigen zu wollen… Als ich Peter- er 30-jährig, ich zwanzigjährig- kennenlernte, wollte er beruflich nach Ostafrika. Ich Jura studierend, war der Meinung, dass ich mir das dort anschauen würde, aber nicht wüsste, ob das was für mich sei.

Das Schiff war offenbar von der „achten Eignerin“ seit einiger Zeit an Land zu Wohnzwecken genutzt worden, samt einer Katze für die sogar eine Katzenklappe in der Sitzbank vorgesehen wurde. In toto ein trauriges Bild. Massive Schäden waren auf den ersten Blick auch für Peter als Laien erkennbar. Das Hauptschott war durchgerottet und der Holzkern der Flügelschotten mit Wasser gesättigt. Es war an vielen Stellen Wasser ins Boot gelaufen. Versuche, dieses von innen mit Silikon „zu beseitigen“, vergrößerten die Schäden. Der nun von Peter herbei gerufene Gutachter stellte überdies eine 100-prozentige Sättigung des Sandwichdecks fest.

Peter reiste enttäuscht zurück und der Verstand sagte „nein“. Es kam aber sodann das Angebot mit 20.000 Dollar und das Herz sagte „ja“.

Überführung aus den USA und Instandsetzung in Glückstadt, aber dann ging es los:
Wenn andere Segelfreunde in einer Segelzeitung über abgelaufene Dosen der Voreigner in der Bilge berichteten, reiste bei uns ein voller Fäkalientank durch die halbe Welt- nicht zur Freude von Peter und der Werftarbeiter in der Arbeitshalle in Glücksstadt – shit happens.
Nach für alle 3 Familienmitglieder harten anderthalb Jahren des Totalrefits- folgten glückliche Segeljahre beginnend mit der spannenden „Jungfernfahrt“ durch den Nord- Ostsee-Kanal, nach Dänemark, rund Rügen sowie mehrfach nach Schweden und natürlich anfangs jedes Wochenende von Ostern bis Ende Oktober auf dem schönen Greifswalder Bodden.

Bei unserer Segelreise im verregneten Sommer in Deutschland 2011 Richtung Schweden unterwegs, sah Heike gar nicht ein, warum sie aufgrund der berufsbedingt kurzen Urlaubszeit erst als Rentnerin vielleicht zur Geburtsstätte der Segelyacht Heike zur Najad-Werft auf Orust kommt. Ein Anruf bei der Werft bestätigte, dass wir unser Schiff über Winter dort lassen und einige schöne Holzarbeiten dort anfertigen lassen können- gesagt, getan. Wir erlebten einen wunderbaren Segel-Sommer in den westlichen Scheren. Danach ließen wir unser Schiffchen, wie vereinbart, im Yachthafen der Najad-Werft, wussten wir es bei der Werft über Winter sicher aufgehoben.
Als Heike in unsere geliebte Marina Lauterbach kam, um das Auto abzuholen, sagte sie den Steg-Nachbarn Bescheid, dass wir für ein Jahr mal in Schweden in der Najad – Werft sind. Ein Eigner meinte darauf hin, dass er in der Yacht-Zeitung gelesen habe, dass die Najad – Werft in der Insolvenz sei- Schock. Es kamen bange Zeiten. Letztlich mussten wir das Schiff durch uns unbekannte Personen an einen anderen Ort verbringen lassen. Es folgten sehr unglückliche Unterbringungen – und Reparaturarbeiten. Als Ausgleich aber 2012 wieder ein wunderbarer Segelsommer und Urlaub mit besten Freunden und unseren Patenkindern in den Westschären.

Im nächsten Winter erhielten wir vom neu gegründeten Orust-Yachtservice die noch fehlenden Holzarbeiten und Beseitigung der im vergangenen Winter „verschlimmbesserten“ Reparaturen.

Berufsbedingt diesmal nur Zeit zum Übersetzen nach Deutschland, begleiteten uns auf der Rückfahrt Gewitter, Seekrankheit und ein glücklicherweise von selbst erloschener Schwelbrand am neuen Wassermacher.
Da wir nach einer durchsegelten Nacht auch im Hafen Anholt keinen Platz fanden, ankerten wir dort im Vorhafen. Nachdem starker Wind und Schwell nach einem Tag vergangen waren, unser Schiffchen ersichtlich sicher lag, vertraten wir uns kurz die Beine an Land. Zurückgekehrt, trauten wir unseren Augen nicht – fanden wir unser Schiff direkt an der Steinmole vor. Ein bei Dunkelheit eingetroffener Segler hatte bei Ankermanövern unseren Anker rausgerissen und sich selbst überlassen. Es stellte sich ein betrunkener, „unhöflicher“ Schädiger heraus aber glücklicherweise keine starken Schäden. Dennoch hieß es- mal wieder in eine Werft.
Wir hatten Glück in der Yachtwerft Klemens in Grossenbrode. Berufsbedingt lag unser Schiff dort leider bis auf 2 kurze Wochenendausflüge im Jahr 2016 leider fast nur an Land in der Halle. Die 2 Wochen Urlaub im August „fielen ins Wasser“. Wir reisten bei Dauerregen, 13 Grad und 6-7 Windstärken nach einiger Zeit ab und gingen wieder arbeiten. Deshalb der Entschluss- entweder wir verkaufen oder ändern was. Da Peter berufsbedingt einen günstigen Leertransport für unser Schiff nach Nordkroatien organisieren konnte, verbrachten wir unser Schiff per LKW nach Kroatien. Von dort wollten wir – endlich mal drei Wochen Urlaub – einen sehr schönen Törn in unseren neuen Heimathafen– Slano bei Dubrovnik- erleben und auf der Strecke unser Patenkind an Bord nehmen. Aber leider kam es mal wieder anders. Nachdem wir aus dem Trevellift gerade noch herausfuhren, verließ uns die Motorkraft. Die kompetente Werkstatt entlarvte einen verbogenen Ventil-Stößel als Ursache, war aber aus fadenscheinigen Gründen leider nicht willens, das Ersatzteil zu bestellen. Wir sollten unser Schiff dort an Land bringen, einen neuen Motor kaufen– eine schöne Winterarbeit- wurde uns vom Chef gesagt. Das deckte sich – vorsichtig gesagt – nicht mit unseren Vorstellungen. Hatten wir doch gerade einiges an Zeit und Geld investiert, um unser Schiffchen mittelmeertauglich zu machen. Wir selbst hatten auch von Anfang Mai bis Mitte Juli jedes Wochenende von Berlin nach Großenbrode fahrend an unserem Schiff geschuftet und insbesondere den ganzen Aufbau und das Cockpit komplett neu lackiert, um nun endlich mal wieder Urlaub auf unserem Schiff in Kroatien zu genießen.

Glücklicherweise verriet das Gesicht des Monteurs der Werkstatt eine andere Sichtweise. Wir bestellen die Teile selbst in Deutschland und konnten über zwei Wochen hinweg erreichen, dass die Werkstatt die Reparatur doch durchführte.
Leider ging es aus Zeitgründen nun nicht mehr gemütlich in kleinen Strecken die Küste entlang, sondern im „Spurt“ nach Zadar, unser Patenkind aufgenommen, noch ein paar schöne Tage und gerade noch rechtzeitig vor dem Rückflug im neuen Heimathafen angekommen.

Wir wünschen uns nun, uns vom Wind treiben zu lassen, ohne getrieben zu werden.

Heike und Peter Claas
SV Heike

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.