GGR – 2022

DON McINTYRE – DAS VERANTWORTUNGSKARUSSELL

Don McIntyre


RUSSISCHES ROULETTE FÜR SOLO SEGLER
Das Golden Globe Race 2022 wirft seine Schatten voraus. Der Tag der Wahrheit – der Ernstfall! – allerdings ist bereits vor dem Start eingetreten. Ende Mai 2021 ist Ertan Beskardes, Skipper der Lazy Otter, einer Rustler 36, auf dem Nordatlantik, von Plymouth kommend, auf dem Weg zu den Azoren  bei ca 40 kn Wind mehrfach gekentert.
Zum Glück ist der Skipper unverletzt geblieben, das Chaos an und unter Deck hätte gefährlich für ihn werden können.
Seine Ankunft in Ponta Delgada hat Aufmerksamkeit erregt,  das obige Foto ist dort entstanden. Zur Erinnerung: Ertan hatte nach dem Start zum GGR 2018 in Les Sables seine Reise bereits in La Coruna beendet, sich gleichwohl nach einigem Nachdenken zum nochmaligen Start für das GGR 2022 angemeldet. Ob es nun dabei bleibt? Die Spannung steigt!

Ertan Beskardes UK

Die neuesten Vorkommnisse werfen einen grellen Schatten auf die Sicherheitslage von Veranstaltungen für Solo Skipper für die ein Veranstalter die Verantwortung zu tragen hat, wenn er sie denn erkennen kann.

Als überaus betroffenem Protagonisten sollte erlaubt sein, einige Zusammenhänge zu repetieren, die ich bereits im Ergebnis des GGR 2018 zusammengefasst und in meinem kürzlich in Deutsch und Englisch veröffentlichen Buch WINDVANE REPORT niedergeschrieben habe. Es geht bei dem GGR insbesondere um die vom Veranstalter Don McIntyre geforderte Ausrüstungspflicht mit einem Notruder, alternativ der Verwendung einer Windsteueranlage WSA, das als Hilfsrudersystem auch als Notruder einsetzbar ist. Während letztere offenbar zum Erhalt der GGR Zulassung keinen Video Nachweis der Funktionstüchtigkeit erbringen müssen, werden die Skipper mit anderen WSA verpflichtet, diesen Beweis „bei in Mittellage festgesetztem Hauptruder“ zu erbringen. Dies wirft ein besonderes Licht auf die Formulierung der Bedingungen in den Rules of Race, die sinnvoller gewesen wäre, wenn der Test „ohne festgesetztes Hauptruder“ zu erbringen wäre, weil es ja im Ernstfall vermutlich gar nicht mehr vorhanden ist! Vermutlich ist dem Veranstalter also durchaus bekannt, dass ein Hilfsruder mit einer Fläche im Bereich von lediglich 30% der vorhandenen Hauptruderfläche kaum zum Steuern in schwierigen Verhältnissen taugen kann … insbesondere wenn z.B. die Lateralfläche des Hauptruders nach Verlust desselben entsprechend geringer, die Anforderungen an das Notruder entsprechend exponentiell gestiegen sind. Mir erscheint diese Regelvorschrift als Steilvorlage, um den teilnehmenden Skippern die Verwendung der vom Veranstalter favorisierten Hilfsruderanlage besonders ans Herz zu legen, wenngleich ihm vollauf bekannt sein dürfte, dass derartige Hilfsrudersysteme infolge geringer Fläche im Ernstfall wenig wirkungsvoll sein werden. Die einfache Tatsache, dass eine jede Hilfsruderanlage des vom Veranstalter favorisierten Typs werksseitig mit einem „shear pin“ ausgerüstet ist, dessen regelmässiger Tausch / Wechsel auf See vom Hersteller alle 2.000 sm empfohlen wird, steht im Widerspruch mit der aus Sicherheitsgründen geforderten Ausrüstungspflicht, weil jede WSA im Überlastbetrieb erkennbar nicht mehr zur Verfügung stehen kann.

In diesem Zusammenhang sollte nicht vergessen werden, dass ausschliesslich Langkieler zur GGR zugelassen wurden und werden, was sich in der Praxis bewährt hat, denn es hat im GGR 2018 keinerlei Schäden an Hauptrudern gegeben. Es gehört nicht all zu viel Vorstellungsvermögen dazu, das das vom Veranstalter geforderte Hilfsruder seiner besonderen Kooperation mit seinem persönlichen Sponsor geschuldet ist. Honi soit qui mal y pense.

Peter – unplugged

Dieser besondere Schulterschluss zwischen Veranstalters und einem Hersteller von Hilfsrudersystemen in Verbindung mit einem dafür ausgelegtem Regelwerk, hat im vergangenen GGR 2018 zu ungewöhnlichen Ereignissen geführt, die akribisch niedergeschrieben sind, dessen Schattenseiten und Folgen die Statistik der Gesamtveranstaltung verheerend beeinflusst haben: nur 5 Segler sind im Ziel angekommen.

Es muss vermutet werden, dass die detailliert aufgelisteten Grenzen  der Einsetzbarkeit von WSA – Stichwort Überlastungsschutz – weder im Kopf des Veranstalters noch dem Regelwerk für das GGR 2022 Niederschlag gefunden haben. Wenn den gestressten Solo Seglern in schwierigen Wetter Situationen der Einsatz eines elektrischen AP unter Strafandrohung der Herabstufung in die sog. Chichester Class verboten ist, kann die Reparatur – z.B. Ersatz einer Sollbruchstelle auf See –  zur Überlebensfrage werden! Die Ereignisse des GGR 2018 haben gezeigt, dass Störfälle an einer WSA nahezu unausweichlich sind, da sie nahezu sämtlich mit Shear pins oder / und Überlastungsschutz ausgestattet sind, deren Ersatz / Reparatur nur möglich ist wenn ein redundanter Autopilot – ohne Disqualifizierung! – zur Verfügung steht. Ein Veranstalter, der diese Fakten im GGR 2022 negiert, handelt nach meinem Empfinden fahrlässig. Ich nenne dies Russisches Roulette und mit der Verantwortungslage des Veranstalters für die Sicherheit „seiner“ Segler unvereinbar. Es verwundert, dass offenbar alle hier Verantwortlichen wenig Einfluss zu nehmen scheinen. Ich vermag mir nicht vorzustellen, dass Sensationsgier hier die Ursache ist!

Wenn zudem der Veranstalter sich selbst als Instanz zur Zulassung jeglicher WSA bezeichnet, gleichwohl er mit einem Hersteller von WSA finanziell verbunden ist, sodann hoheitlich darüber entscheidet, ob oder unter welchen Voraussetzungen ein System eine Zulassung erhält, empfinde ich dies als eine riskante Verantwortung, die überaus sorgfältig abzuwägen wäre. So wurde nach Beendigung der GGR 2018 der Monitor nach Störfällen und Schiffsverlusten ( Are Wiig + Susie Goodall ) diese Zulassung zunächst entzogen. Nach Zusicherung des Hersteller zur Nachbesserung der Überlastbauteile, wurde das System offenbar erneut zugelassen. Nach meinem Dafürhalten allerdings kann ein sogenannter A-Frame mit dazwischen schwingendem Pendelruder bei Kenterung oder Durchkenterung niemals vollständige Sicherheit bieten. Weshalb hier konstruktiv Überlastungsschutz vorhanden ist.
Betrachten wir den Schadensfall auf der Lazy Otter ein wenig näher. Der Hersteller empfiehlt in seinen Verkaufsunterlagen, die allen GGR Teilnehmern und auch dem Veranstalter zugeleitet wurden, sowohl 2-Punkt als auch 3-Punkt Befestigungen.
Ich bewundere den Mut des Herstellers, 2-Punkt Befestigungen überhaupt als sicher einzuschätzen und zu empfehlen. So war auch auf der Matmut von Jean Luc van den Heede die Hilfsruderanlage beim Zuwasserlassen des Schiffes lediglich durch 2-Punktlagerung befestigt. Ich habe mit Jean Luc in Les Sables über diese Schwachstelle gesprochen, allerdings hatte er das bereits selbst bemerkt und eine dritte Befestigung nachgerüstet. Die gleiche Befestigung übrigens, wie sie auch auf der Lazy Otter verwendet wurde – die bei der Kenterung komplett gebrochen und abgerissen wurde.
In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass das Hilfsrudersystem bei Jean Luc´s bei Zieldurchgang in Les Sables nur noch mit vielen Leinen am Heck festgehalten wurde, es hatte sich ganz offenbar in seinen Befestigungen gelöst … und nur mit viel Glück das Ziel erreicht. All dies obgleich der erfahrene Skipper bereits vor dem Start Verbesserungen und Verstärkungen vorgenommen hatte ( Scherbolzen und Ruderblatt verkürzt / abgesägt ). Diese Massnahmen haben nicht verhindern können, dass das System unterwegs Schaden genommen hat.

Zumindest wird man seitens des Herstellers der Hilfsruderanlagen nun erheblich graue Haare bekommen, insbesondere ob der gewagten Installation auf einigen Schiffe, die sich bald auf die Reise nach Europa machen werden. So halte ich die Befestigung des Hilfsrudersystem auf dem Schiff von Michael Date für ein gewagtes Unterfangen und halte den hier Verantwortlichen die Daumen, dass diese ungewöhnliche Befestigung in schwerem Wetter nicht den Dienst versagt.

Meine Entscheidung, nach den Erfahrungen im GGR 2018, mich an vergleichbaren Veranstaltungen nicht mehr zu beteiligen, macht es mir leicht, diese meine Beobachtungen zu artikulieren und zu verfassen, weil ich keine wirtschaftliche Interessen verfolge.

Ich kann mir nur wünschen, dass sich Journalisten finden, die sich der Sicherheitslage der betroffenen Segler annehmen, denn immerhin haben die sich entschlossen, auf offener Weltbühne das Erlebnis – Wagnis ihres Lebens einzugehen … es sei ihnen geschuldet, dass die Verantwortlichen im Kreis der Veranstalter, Organisatoren, Sponsoren und Medienpartner dies zu würdigen wissen und danach handeln. Dies insbesondere, weil all diese Fachleute vermutlich einen besseren Überblick über die potentiellen Risiken derartiger Unternehmungen besitzen.

Eine in toto unschöne Gemengelage, die zu klären, die Betroffenen ein Recht besitzen.

Auf der Facebook Seite von Ertan Beskardes ist ein Kommentar von Don McIntyre zu lesen: Wouw … unbelievable! Somit sind also die Schwachstellen der vom Veranstalter favorisierten Hilfsruderanlage final auch in seinem Kopf angekommen. Man darf gespannt sein, welche Schlussfolgerungen nun getroffen werden.

14.06.2021
Peter Foerthmann

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