Vassilingalou – Die Profis

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WIR SIND PROFIS
(Crotone – Italien)
Es ist Oktober und wir sind so spät dran. Die letzten bissigen Ostwinde treiben dichte Wolken beladen mit bleiernen Schauern. Über dem hohen Wellenbrecher sehen wir hin und wieder eine Windhose in der Ferne wüten und sind dankbar, nicht auf See sein zu müssen. Das Bild ist schon seit Tagen grau in grau. Natürlich liegen wir nicht im Yachthafen. Obwohl es dort keine weiteren Segler gibt und die Piere verlassen liegen – fast wie nach einer Epidemie – wird man uns erbarmungslos zur Kasse bitten. Wir liegen im Kommerzhafen. Porto Nuovo. Kostenlos. Zwischen rostigen Service Barkassen, ausrangierten Fischerkähnen, Schleppern und allerlei Tauwerk kreuz und quer. An den Liegeplatz haben wir Hand über Hand verholt, hüpfend von Bord zu Bord. Die katzengroßen Ratten staunen jede Nacht über unser weißes Deck und haben sicher Angst um ihre grauen Pfötchen.

Vier Mächte machen sich die Herrschaft über den dreckigen Hafen streitig: die Polizia Locale, die Carabinieri, die Douane und die Guardia Costiera. Die einen netter als die anderen, mit gebügelten Uniformen, mit polierten Knöpfen, mit großen Motorbooten und Maschinenpistolen. Wir sind sicher.

Seit drei Tagen sind wir hier, warten auf das passende Wetterfenster und flicken in den Regenpausen hoch oben auf der Steinpier unser Dingi. Von unserer Werkstatt aus sieht man die majestätische Burg, das Fischerviertel, unseren Mast über den Salingen und den Vorhafen mit den konfiszierten Schiffen, die auf die Einschmelzung warten. Der Italienische Staat will sie nicht wieder verkaufen, um die Gefahr weiteren Schmuggels zu verringern. Sie werden von ihren Wächtern geplündert und unter dem Tresen verhökert. Schraube für Schraube, Tag für Tag. Die Sonnenbrillen der Mächtigen haben viel zu dunkle Gläser, um Licht auf diese Spiele zuzulassen. „Alles Banditen“, sagt ein Freund, der mit seinem Büs´chen wöchentlich Saisonarbeiter transportiert und uns Grüsse aus der alten Heimat bringt. Ein letzter warmer Gruß, ein letztes Fläschchen Traubenschnaps, bevor uns die Ferne schluckt. „Alles Banditen“, sagt unser bärenhafter Freund und seine Karre wirbelt den Hafenstaub hoch.

Der stämmige, krummbeinige Nachbar von der dreck-orange farbenen Serviceplattform lächelt freundlich und zeigt mir seine Raucherzähne, oder was von ihnen übrig geblieben ist. Ob wir was bräuchten? Nein, danke! Wir tauschen Floskeln, während der Kleber am Dingi trocknet. Ich bin der Meinung, dass die obere Hälfte des Mastes vom konfiszierten Segler, der an seinem Kahn festgebunden ist, mit dem nächsten stärkeren Wind auf seine Schlafstätte runter knallen wird. Er guckt hin und es scheint, als wenn er die knarzenden sieben Meter Aluminium Spiere, die völlig losgelöst durch die Gegend wedelt, zum ersten mal tatsächlich sieht. Wir müssen kleben, er zieht sich zurück. Meine Bemerkung scheint aber tiefen Eindruck auf ihn hinterlassen zu haben, denn er starrt fortan des öfteren ehrfürchtig zur Mastspitze hoch. Als wir am Nachmittag einen blauen Riss in der Wolkendecke und drei Sonnenstrahlen mit einem Kaffee feiern, hält er es nicht mehr aus und kommt nach Hilfe fragen. Die Angst hat ihn gepackt und da ich dies unwollend in die Wege geleitet habe, fühle ich mich irgendwie verantwortlich. Wir sind doch Segler, gibt es denn nicht einen Weg? Können wir den nichts tun? Er sei zu schwer und unbeholfen, aber wir seien doch Profis. Wir gucken uns an, es ist keine große Sache. Inga sichert mich, ich klettere, haben wir schon so oft gemacht.

Der Nachbar trippelt aufgeregt umher und kann vor lauter Freude nicht aufhören, zu plaudern. Wir dürfen uns dann auch nehmen, was wir brauchen, sagt er zufrieden. Ich bin schnell oben an der Saling. Die hängenden Stücke Hauptwant verlängere ich mit Schoten und Inga verspannt sie unten am Deck. Es muss ja nicht gesegelt werden. Kaum mit der Steuerbordseite fertig, steht am Ufer die Guardia Costiera und winkt mich charmant vom Mast herunter. Der Nachbar ist verschwunden wie altes Geld aus dem Umlauf. Kontrolle! Sind wir hier angemeldet? Wann? Papiere, Stempel. Was habe ich da oben verloren? Es scheint alles in Ordnung zu sein, denn sie entfernen sich rasch. Wieder im Mast, Backbord Seite. Die Spiere steht wie angewurzelt. Wir vertauen den russischen Stahlkahn noch räsonabel, denn jedes schwimmende Objekt verdient Respekt, auch wenn damit hungrige Emigranten geschmuggelt wurden. Fertig. Das kahl-rasierte Deck bietet nicht viel Lohn und mir ist nicht nach Werkeln. Was können wir den brauchen? Neue Schoten, oder zumindest welche, dessen Mantel nicht schon in Fetzen hängt. Und zwei Blöcke. Kahn, auch wenn man dich einschmilzt, wirst du mit uns weiter über die Weltmeere segeln.

Früh am nächsten Morgen spleiße ich im Cockpit eine Leine zum Frühstück, als mich das Gefühl einnimmt, dass ich beobachtet werde. Die Raucherzähne. Blut angelaufene Augen zeugen von nächtlicher Feier. Er muss da schon länger gestanden haben, offenbar um zu überlegen. Aber Was? Dann zeigt er auf einen der Blöcke und auf sich – MEINS ! Ich staune. Er wird ungeduldig und zeitgleich ungemütlich. Das Grau der Wolken ist nichts gegen die Farbe meiner Gedanken: Wem werden die Mächtigen hinter den Sonnenbrillen wohl glauben, wenn er erzählen sollte, dass er mich nicht in den Mast geschickt habe? Wo würden sie suchen, wenn er eine Liste der am Bord der russischen Yacht fehlenden Gegenstände und Ausrüstung vorlegen sollte? Wie könnten wir nachweisen, dass unsere lieben Winschen auch wirklich die unseren sind? Ich gebe ihm also den Block hoch – und er entfernt sich watschelnd und murmelnd:“ ..Banditi..“

Eine halben Stunde später scheint die Sonne in unsere Segel. Die alten Schotten summen vergnügt unter ihren Fetzen. Wir sind so spät dran, auf Los gehts los.
Pointe-à-Pitre, 14.01.2014
Vassilingalou

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