Vassilingalou – Die Stadt Düsseldorf

wir_haengen_jetzt_woanders_rum...

GEDANKEN AUF DER ANKERREEDE AN EINE STADT AM RHEIN
Es ist nach Mitternacht und wir laufen die nassen Straßen entlang auf der Suche nach dem „alten Griechen“. Der Hunger treibt uns. „Wir“ sind meine Frau und ich – ihr Mann. Sie kennt mich gut. Ich sie auch. Wir brauchen uns nichts vorzumachen. Schon lange nicht mehr. Etwa zwanzig Jahre. Schweigen.

Feuchte, einsame Autos. Ab und zu huscht ein Ahornblatt und ahmt die Ratten auf dem Weg zu ihren eiligen Geschäfte nach. Der Novemberwind poliert einem den Verstand glatt.
An einem offenen Schalter frage ich nach dem Weg. Die kugelige Frau drinnen fragt zurück – Türkisch? Ich erkläre – nein Griechisch, der Grieche. Bis ich begreife, dass es ihr um die Sprache in der wir uns verständigen sollen geht, wiederholen wir das Spiel fünf mal. Hoffnungslos, denn die Frau, ihre Tochter und der Vater sprechen kaum Deutsch. Die kleine Trinkhalle ist ja auch kein Treffpunkt für Polyglotte. Hier wird nur Auszeit verkauft. Durchgehend und nonverbal. Illusion in flüssiger und rauchiger Form.

Wieder frage ich nach dem Weg. Entschuldigung, es soll hier… „Is verste nich“ die junge Asiatin hat sicher gerade ihr Studium begonnen, oder kellnert im Restaurant reicher Landsleute. Oder beides. Ihr zierlicher Körper ist zu einem Eiszapfen gefroren. Durch die Härte der Straße droht er zu zerspringen. Wenn es jetzt passieren würde, würden tausende von Olivenhaut-, Perlenzahn- und Onyxaugen-Kristalle für immer verloren gehen! Wer wird ihren Geliebten streicheln, ihre Kinder gebären? Die Nacht schluckt sie in einem Happen.

Wir laufen und schweigen weiter. Der zwanzigjährige Satz aus Frust und Unzufriedenheit, aus Zweifel und Angst um die verlorene Zeit mit mir, wird langsam hochgewirbelt. Tief in ihrer Jacke wird der Zoff ausgebrütet. Ist das die richtige Straße?

Zwei schwarze Dealer hängen an einer Ecke und der Wind spielt Gartenschaukel mit ihren Körpern. Sie sind schon trocken und erschrecken niemanden mehr. Man hat sich irgendwie an sie gewöhnt.

Da ist es. Wurde auch Zeit. K3 schreit das blaue Neonlicht. Wärme und Gemüt für die Trinker und Obdachlosen, für die alten Nutten und ihre verzweifelten Freier. Der fette Grieche ist schon seit Jahren tot und sein ranziger Leib fließt vom Barhocker tropfenweise auf den Boden. Der Laden stinkt entsprechend. Die Gäste merken es nicht. Sie sind auch hin. Die Küche steht in Flammen. Der Boden, die Tische, alles ist glühend heiß. Da sitzt einer und isst seine Suppe mit einer riesigen Gabel. Er hält sie mit zwei Händen. Orpheus gleich, habe ich auf dem Hinausweg Angst mich umzudrehen um Sie nicht zu verlieren. Bitte Gott! Ich habe Sie hierher geführt, ich weiß! Nein! Nicht jetzt! Bitte Gott!

Die Stadt ist schön. Rausgeputzt und geschmückt mit ihren Diamanten, Lichtern, mit ihren glänzenden Vitrinen, sündhaft teuren Lackschuhen und Autos. Die Stadt ist anziehend, aufregend, anregend. Ich würde ihr gern unter den Rock schauen. Würde gerne ihr Geschlecht sehen. Ich würde sie gerne lieben, aber sie hat einen schlechten Atem. Ein Zahnarzt meinte neulich, sie wäre weltweit an fünfter Stelle was den Lebensstandard betrifft. Beeindruckend! Was den Standard der Ratten angeht, könnte ich zustimmen.

St. Martin, 03.2015

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