1966 – 1976

Sturm – Drang – Zwang – erstmal SCHULE und ABITUR
von der Seefahrt mit eingekniffenem Schwanz wieder nach Haus zurückgekommen, galt das Gebot der Stunde, sich vorerst ein wenig leiser zu verhalten bei der Alten. Bei aller Freude meiner schlauen Mutter über die Heimkehr des verlorenen Sohnes, konnte sie sich hingegen nicht verkneifen, mir täglich meine berufliche Fehlentscheidung unter die Nase mir zu reiben und mit weisen Gesten ihr mütterlich erhabenes Besserwissen zu vermitteln. „Ich wußte, dass Dir die Seefahrt nicht gefallen würde!“ Das war der Standard Satz – und ich konnte nicht widersprechen, denn ich hatte die Steilvorlage selbst gegeben: ich war ja wieder nach Hause zurück gekommen!

Low profile hieß also das Gebot der Stunde – duck dich – mach dich windschlüpfrig und servil – Widerstand war weder angebracht, noch half das viel.

Ich war also aaatig und versuchte nach bestem Wissen und Wollen, mich in meiner damaligen alten Schulklasse wieder hineinzupassen, die immerhin 18 Monate ohne meine Gegenwart hatte auskommen müssen. Nun, es hagelte Widerstände! Entgegen dem Diktat meiner Schul Direktorin ERNA STAHL, die ein Herz für mich verloren hatte und die mich per Dienstanweisung wieder in meine frühere Klasse hinein oktruierte, sträubte sich die Klassenlehrerin nicht nur mit Händen und Füssen. Ich war der Dame schlicht ein Dorn im Fleisch und Hirn, eine Provokation in des Wortes Sinne: braungebrannt, MeckiMesserSchnitt und Vollbart – ein Affront für eine ältere Dame, die auf die Anrede „Fräulein“ nachdrücklich bestand. Der Bart verschwand, aber der Widerborst saß in Reichweite direkt vor Ihr unruhig auf der Bank.

Trotz – nach meiner Auffassung – ausreichender Leistungen für eine Versetzung, brachte die Dame ihr Lebendgewicht in Stellung, mir zu einer Ehrenrunde zu verhelfen. Was nicht sein kann, das nicht sein darf! Der pädagogische Hebel wurde genutzt – und ich war brav!

Nun, ich machte meine Abitur dann in 2,5 statt der normalen 3 Lebensjahre. Geholfen hat mir dabei meine offenbar kolossale Fingerfertigkeit auf der Geige sowie die Fähigkeit meinem Kunstlehrer mit Kritzeleien den Sinn zu rauben. Wie bei Waldorfschul Betrieben allgemein üblich, konnten besondere Begabungen der Ministranten gegen Löcher in Fächern schnöden Wissens, regelrecht verrechnet werden! Für mich eine Win-Win Situation, die ich als 1.Geige im Schulorchester wahrhaft virtuos ergeigte.

Die Schule hatte meine Mutter jedenfalls ziemlich schlau ausgesucht.

Das Abitur lag also final auf dem Tisch, für mich war es eine bravouröse Zeit, hatte ich doch die Seefahrtszeit im Schiffsgefängnis stets bestens im Hinterkopf parat und genoß das Leben an Land in all seinen duftenden Facetten, auch die netten, mit den schicken langen Beinen unten dran.

Die Schulzeit habe ich nicht als besonders anstrengend empfunden, hatte vielmehr leichte Probleme, meine außerschulischen Aktivitäten mit den Stundenplänen zu synchronisieren. Denn ich hatte Nachholbedarf von oben bis untern – und in der Mitte sowieso. Spätpubertär, würde man das heute bezeichnen, denn die stürmische Pickelzeit hatte ich ja auf See einsam und nachdenklich abgeritten.

DER GERUCH VON FREIHEIT
Ungeheuer hilfreich, daß ich mit 18 Jahren auf einem Sommerausflug mit Fahrrad und Phillips Kofferradio in den Satteltaschen, Richtung Rotenburg Wümme, meinen Draht Esel gegen einen LLOYD ALEXANDER TS habe eintauschen können. Das ist kein Schmäh´, neudeutsch keine erfundene Geschichte! Es gab dort nämlich einen gewissen Onkel Seel, der eine Garage voller Altblech Glückseligkeiten sein eigen nannte und meine sehnsüchtigen Blicke zielstrebig richtig, wenngleich ungewöhnlich, übersetzte. Jedenfalls fuhr ich anschließend stolz wie Bolle knatternd aus den Ferien zurück nach Hause, eine Kiste voller Äpfel als Besänftigungs Versuch für meine stets temperamentvolle und deutliche laute Mutter. Ich Depp, ich hatte noch so viel zu lernen, habe ich sie doch glatt völlig unterschätzt!

Immerhin war Ich wochenlang zu einem autofahrenden Schüler mutiert, ein Privileg, wie ich dumm dachte! Parkplätze für Schüler gab es damals nicht, also parkte ich auf dem Parkplatz für die erlauchte privilegierte Lehrerschaft, was den Vorteil hatte, dass die Lehrkörper mich gelegentlich haben anschieben können, denn mein Lloyd litt unter Anspring Tuberkulose, vor allem bei feucht schwangerer Luft. Ein Choker wollte damals feinfühlig bedient werden, war man da zu grob, sagte der Motor Stopp!

Welch Schicksals Schlag, welch Irrtum, daß ich angenommen hatte, der Dame meines jugendlich rasenden Herzens und auch meiner Hose, mit meinem rosaroten Vehikel würde imponieren können! Für meine Angebetete, eine Tochter aus streng katholischem besseren Zuhause, bedeutete dies Prekariats Fahrzeug schlicht ein Stigma, in das sie sich niemals vor den Augen hämisch grinsender Mit-Schüler-Stuten würde setzen wollen – wohingegen, nach unbeobachtetem Einsteigen abseits der versammelten Schul Öffentlichkeit – die Tour nach Hause natürlich für eine angehende und ihrer Reize kollossal bewußten jungen Dame recht komfortabel und somit gern hingenommen und erduldet wurde. Bei den Schwiegereltern in spe war ich jedenfalls gern gesehen, ich bekam Mittagessen und zahlte den Sprit natürlich aus meiner eigenen Tasche – stets in Hoffnung auf finale Erfüllung meiner männlichen Wünsche! Ein harter Weg, verlief er doch keineswegs so rasant, wie ich erhofft.

Rückblickend war das eine Lektion in Bezug auf vermeintlich katholisch harte Standhaftigkeit, insbesondere der Elternschaft, die erst Verhandlungen führen wollten über woher und wohin, bevor sie final die Ampel auf grün zu stellen bereit gewesen sind. Die Tochter hat den Eltern hingegen dann einen Strich gemacht durch die intellektuellen Überlegungen, und ihr Schicksal in Bezug auf meine Wenigkeit, in die eigenen Hände genommen, bzw. sie sank nach hinten hin. Dies stellte sich allerdings dann als schwerer Fehler heraus, den sie anschließend mit Schulwechsel in ein, ich vermute katholisches Mädchenpensionat, abzubüßen hatte. Schlauer geworden sind wir dadurch beide nicht!

Abgeschweift? Entschuldigung!

Was in Bezug auf die Auto Frage zu sagen bleibt, war die rigide Erniedrigung, die Nichtbeachtung, die Ausgrenzung meines knatternden aber tapfer fahrbereiten Phallus Symbols, das damals mein ganzer Stolz und Spiegel Bild eines stolzen jungen Mannes gewesen ist! Sowas prägt ungemein, auch wenn man diese Autos damals Hintern-first zu besteigen oder rückwärts hineinzufallen hatte, denn die Türen waren noch achtern angeschlagen.

Jedenfalls dumm gelaufen, dass ich den Stern der Träume meiner heissen Nächte nur heimlich in Nebenstrassen habe zusteigen lassen können. Das gefühlte Erlebnis, so ganz ohne Zeugen, war damit damals nur halb so schön!

DIE ZÄSUR
Der nächste Schlag kam dann unerwartet, er traf mich wie ein Baum: meine oberste Regierung Chefin weigerte sich stantepede, ihrem 18-jährigen Querkopf und Besserwisser das eigene Vehikel juristisch zu gestatten, die „Verantwortung sei ihr zu hoch gewesen“, so die offizielle Verlautbarung!

Wir erinnern uns: damals galten Kids erst mit 21 Jahren als für das Erwachsenenleben reif und fertig produziert.

Mit hängenden Ohren fand mich wenig später die B 75 mit laufendem Scheibenwischer auf dem Rückweg nach ROW, was wenig nützte, weil die Scheibe von innen durch meine Tränen völlig undurchsichtig geworden war. Den Rückweg nach Hamburg, nun wieder mit dem Fahrrad, empfand ich als eine grausame Zäsur!

Es hieß also, drei lange Jahre tapfer sein! Welch Drama! Es sind manchmal nur Kleinigkeiten, durch die man sich von seinem Muttertier innerlich entfernt, aber das sind die Entwicklungen, an denen man wachsen kann!

Das Protzen vor der Schule hatte sich damit jedenfalls erledigt. Wir fuhren wieder Bahn und Fahrrad, umgarnten liebevoll schleimend das Muttertier, verrichteten devot und freiwillig auch Haushalts Arbeiten inkl. Wäsche waschen und bügeln, obwohl dies gar nicht von uns gefordert wurde – immer in der vagen Hoffnung, den Autoschlüssel auch einmal offiziell überlassen zu bekommen, für eine Ausfahrt jenseits des bekannten Garage-Zuhause-Claims, in dem wir ja schon mit verbundenen Augen hatten fahren können. Es sind diese Situationen, die die Endlichkeit eigener Machtfülle deutlich machen, also harte Zeiten für junge Menschen, die im Spiegel schon endfertig erwachsen aussehen und sich stimmig genauso fühlen!

Ich habe diese Zäsur meiner Mutter lange nachgetragen und im Stillen sofort begonnen, Knete zu sammeln, um Punkt Zwölf, also am 21. Geburtstag, mir einen DKW Junior de Luxe, Zweitakter mit Frischöl Automatik vor die Tür zu stellen. Für dieses Ziel habe ich sogar meine Geige verhökert, das gehörte zu meinem Loslösungs Prozess! Obwohl, ehrlich, die Geige habe ich Jahre später – und bis heute – arg bereut! Aber da war es bereits zu spät! Wer mit Händen und Fingern handwerklich zu arbeiten beginnt, kann nicht mehr unbedingt gelenkig Geige spielen, Das war damals mein Credo und ich sehe das heute – u.U. eine Schutzbehauptung – ebenso.

Der Wagen jedenfalls besaß Sicherheitsgurte, Blaupunktradio und vor allem Liegesitze, ein enormer Vorteil, weil man nicht immer in Feld und Wald mit Krabbeltieren Freundschaft schließen mußte, wenn die Testosterone verrückt spielten und zu hause wg allgegenwärtiger Personen Überwachung, sowieso nix ging.

DIE TOTALE FREIHEIT
Danach gab es kein Halten mehr! Freiheit bekam eine neue Dimension, die einem erst genommen wird, wenn Rollator, Demenz oder ein zu hohes Punktekonto einen Strich durch die Rechnung machen wird. Ich hoffe inständig zu meinem eigenen Vorteil, dass dieser Tag noch in weiter Ferne liegt!

DER ZWEITE BERUF
Ach ja: entgegen dem inbrünstigem Wunsch meiner Mutter, dass ich Musik studierte oder einen künstlerischen Beruf ergriffe, habe ich mich pragmatisch diametral anders entschieden. Ich wollte Werte schaffen, hatte klare Ideen von finanzieller Unabhängigkeit und beschloss, eine Lehre zum Export Kaufmann zu belegen. Meine Wahl fiel auf dem ehrwürdigen Betrieb Jos.Hansen&Söhne in der Hamburger Innenstadt, Profis im Afrika Geschäft und in der Mönckebergstrasse situiert.

Nun, was soll ich sagen, die Lehre hat mich zeitlich nicht völlig ausgefüllt. Ich schob Nachtschichten bei Axel Springer an den Rotationsmaschinen, packte Güterwaggons voller Postpakete am Hühnerposten und verteilte die WELT und das HAMBURGER ABENDBLATT in den frühen Morgenstunden in den Gríndel Hochhaus Burgen. Geschlafen habe ich anschließend im Packraum meiner Lehrfirma, weil ich schnell herausgefunden hatte, dass ich meine Aufgaben durchaus auch an einem halben Tag habe erledigen können.

DIE NEBENBERUFE
In den Sommermonaten kaufte ich Märklin Eisenbahn Grossanlagen im ganzen Land, die ich parzellierte, in kleine Kartons verpackte und zu Weihnachten zügig am Markt verkaufte. Klaviere, alte Kinderwagen und Fernseher waren auch dabei, kurz, alles, was sich im DKW mit Hänger so transportieren ließ. Ach ja, am Grossmarkt flutschte ich frühmorgens im Windschatten der Gemüselaster beim Pförtner durch und verteilte hernach Bananen und Apfelsinen gegen faires Entgelt in der weitläufigen Bekannten und Patientenschaft meiner homöopathisch aktiven Mutter. Der Wagen wurde bald zu klein, weswegen dann auch das Auto Karussell zu rotieren begann. Ich hatte nämlich entdeckt, dass Enten als Auto ideal kostengünstig, einfach zu reparieren waren und nach Herausnehmen der hinteren Gartenbank auch Platz hatten, für einen veritablen Fernseh Schrank!

Mein schönster Job und Hochgenuß waren Tagestouren mit dem Hamburger Original und legendären Antiquitäts Aufkäufer HANS JESSEN, mit dessen Ehegattin meine Regierung engstens befreundet war. Der Mann hatte in Nazizeiten lange in Amerika verbringen müssen und dabei irgendwie ganz vergessen, eine Fahrlizenz zu machen, was eigentlich Peanuts gewesen wäre. Jedenfalls benötigte Herr Jessen für seine Streifzüge durchs deutsche Land, einen Fahrer, den er mit DM 5.– / Std fürstlich entlohnte! Dieser Job war also ganz exakt ideal für mich! Einem jungen Mann für das Autofahren mit Geld zu bezahlen, das war vergleichbar mit einem Callboy, der seinen liebsten Job gegen Knete zu verrichten hatte!

Wir kamen überall durchs Land und mein Chef kaufte von der Münze bis zur Schatulle die schönsten Teile, wobei er pädagogisch und recht sozial im Sinne der Verkäufer vorging, denen er meist mehr Geld bezahlte, als sie gefordert.

In Lüchow Dannenberg jedenfalls kamen wir dann zu einem Bauern Kauz, der einen gewaltigen Barock Schrank zu verkaufen hatte. Herrn Jessen stand der Schweiss auf der Stirn, denn er erkannte fiebrig den besonderen Deal – aber es nützte ihm wenig, denn der Bauer war schlau: Du bekommst den Schrank nur unter Mitnahme des ollen Landauers in der Scheune! Tja, und da wurde ich dann von der Seite angesehen: „willst Du vielleicht die Kutsche haben?“ Ich nickte verdutzt und bekam sie geschenkt! Wir heuerten einen Sattelaufleger und wir fuhren bei Eis und Schnee die Strasse zurück nach Dannenberg. Dort angekommen bauten wir eine Rampe aus Küchenstühlen, Böcken und breiten Bohlen, zogen und schoben mit vereinten Kräften des gesamten Bauern Personals, sowie der 6-fach Übersetzung zweier Schoten von meinem Schiff, die 3 Tonnen schwere Kutsche mit Intarsien, Elfenbein, geschliffenen Scheiben, sogar ledernem Knieschutz für den Kutscher und zwei Laternen, hinauf auf die Ladefläche des kolossalen LKW. Hernach haben wir die Hinterachse angehoben und den barocke Kostbarkeit vorsichtig unter dieselbe geschoben. Alles famos angebändselt, ging es dann nach Hamburg. Mein Boss hatte Hochgefühl – und ich eine Landauer mit Cabrio Verdeck, den ich anfangs nur widerstrebend liebte.

Es ergab sich im Verlauf der dann folgenden Vorweihnachts Zeit, dass im Hamburger Abendblatt ein Aufruf von Professor Hävernick vom Museum für Hamburgische Geschichte erfolgte: „Wo sind die alten Kutschen geblieben?“ Hatte der Mann geahnt, dass ich nach ihm suchte? Er kam sofort und wollte nicht glauben, was er da zu sehen bekam: eine unverbastelte, unvergammelte, originale alte Kutsche, er tanzte Freudentänze um das Teil herum. Er wollte mich ködern, mir eine Gönner Plakette widmen, wenn ich meinen Schatz dem Museum und der Nachwelt stiftete. Aber er biss auf Granit, denn ich wollte schnödes Bares, das ich am Ende dann auch erhielt. Die Kutsche steht bis heute im Kutschenmuseum in Vierlanden – allerdings ohne jegliche Plakette oder Hinweis auf die schöne schräge Geschichte
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DIE ERSTE HOCHZEIT
Zu meiner ersten Hochzeit Feier 1969 kam ich leider dummerweise ein wenig verspätet, weil ich zuvor einen Käfer und einen Fernseher – wie ich es empfand unter Zwang – hatte kaufen müssen. Den Standard Käfer mit Seilzugbremsen hatte ich unter einem Birnbaum In Wedel entdeckt und für DM 95.– nach harter Verhandlung dann erlöst. Er begleitete mich, und Jahre später meinen Bruder, bis nach Marokko, hat geschätzte 400.000 km abgespult.

Ich wurde jedenfalls bei meinen frisch erworbenen damaligen Schwiegereltern den Hochzeits Gästen wie folgt vorgestellt: „…und das hier ist der Bräutigam“! Ein Fauxpas, gewiss, aber das Leben schreibt eigene Regeln und die Zeit ist knapp, das war – und ist – meine lebenslange Peitsche. Mein Schwiegervater weissagte schon vor der Hochzeit: „das geht nicht gut!“ Nun: er sollte Recht behalten, wenn auch zeitlich um 13 Jahre verzögert!

Aber, für ein Sieh´ste hat das dann immer noch gereicht!

Was mir von der Lehrzeit geblieben ist? Eine ruhige Zeit in durchgängig verqualmten Großraum Büros, zwei Afrika Aufenthalte, die mich einigermaßen verwirrten, weil ich von Haus aus nicht zum Herrenmenschen taugte und einem frühzeitig erfolgreichem Abschluss zum Export Kaufmann, weil man der Meinung gewesen ist, dass ich eine schnelle Auffassungs Gabe besaß und dort nichts mehr hätte lernen können – weshalb man mich dann ins weitere Leben entließ. Meine Lehrling Knete bekamen wir damals noch in der braunen Tüte, ich bekam monatlich ungefähr DM 100.– meine Nebentätigkeiten bei SPRINGER, POST und anderen Verdächtigen summierten sich auf ein Vielfaches davon. Für Menschen, die nicht mit silbernem Löffel gespickt oder in vererbtem Goldwasser geboren waren, empfand ich meine finanzielle Unabhängigkeit als großen Wurf. Das Leben war aufregend und bunt, man mußte nur früh genug das Bett verlassen, die Chancen erkennen und seine Beine in die Hand nehmen verstehen, danach lief alles wie von selbst.


Koinzidenz, dass die grossväterliche Firma B.Heinrich Förthmann Schlachterberufskleidung Anfertigung und Vertrieb damals in Schwierigkeiten steckte. Ein Geschäftsführer hatte den Betrieb nach dem Tode meines Opas dicht an den Ruin gebracht, oder bereits auf Legerwall geschoben. Ich bin also kurzentschlossen eingestiegen, um meine Mutter zu entlasten.

Schlachter sind ein besonderes Volk, ich konnte mit ihnen umgehen, für Frauen hingegen herrschte am Schlachthof damals ein raues Klima, denn diese Männer mit bluttriefenden Händen griffen beherzt zur Dame, wenn sie zufällig in Griffweite gestanden hat oder das falsche sagte.

Unvergessen die schön schaurige Geschichte, wenn ein Schlachter mit Gummischürzen voller Blut, seine Ledertasche voll blutigen Deputats, direkt auf den Glastresen abzustellen pflegte, um ein schneeweisses Käppi zu erwerben, wie es die HygieneFuzzies immer wieder sinnlos verlangten. Nach Anpassen und finaler Entscheidung für die passende Käppi Größe, wurde dann DM 1,50 an der Kasse bezahlt und der Laden verlassen. Zurück blieben 2 – 3 nun blutig angegriffene, anprobierte Kappen und ein fetter Blutfleck auf der Glasplatte. Das war nix für schwache Nerven, z.B. meiner Mutter – aber mein Grossvater hat damit seine ganze Familie ernährt und meine Oma hatte Personal für Haushalt und Küche, die mit Häubchen und weisser Schürze durch die Bude trippelten.

Ein Herzleiden meines Opas und sein plöltzlicher Tod, brachte meine Mutter per Zwang an die Front, weil Oma nur Essen, Fernsehen und Kreuzworträtsel konnte. Jedenfalls steckte der Laden in Schwierigkeiten. Menschen zu trauen, die doch ein so freundliches Gesicht machen, bringt Millionen Menschen regelmäßig in die Bredouillie, weil sie schlicht zu wenig konsequent. Meine Mutter jedenfalls ist mit dem Personal immer wieder voll auf die Nase gefallen und ich bin mir bewußt, von wem ich die gleiche Gabe habe. Als Naturheilpraktikerin, oder wie mein Weib zu sagen pflegt, Abrakadabra Zauberin, war meine Mutter in kaufmännischen Gepflogenheiten keineswegs eine Idealbesetzung, ihr Terminus für Banküberweisungen lautete bis kurz vor ihrem Tode: Abschreibungen! Ihr besondere Gabe und Verständnis für menschliche Imponderabilien hat ihr in einem Produktions Betrieb mit bis zu 26 selbstbewußten Mitarbeitern nicht geholfen, eine unternehmerische Linie für sich selbst zu finden und gar stringent zu fahren. Sie war froh, mir damals den Betrieb vor die Füße legen zu können und zog sich wieder auf das zurück, was ihr lebenslang am besten gelegen hat: Menschen an Körper und Seele heilen – da war sie in ihrem Element!

Ich fuhr damals bald mein erstes Porsche Cabrio, preiswert erworben und quittegelb, ein Typ 356A mit dem Knick in der Scheibe. Zu Ostern offen nach Amsterdam, so was machen nur HNO Ärzte, die sich selbst zu helfen wissen. Bei mir kam das Erwachen in Form einer dummen Reifenpanne im Tulpenland, als ich versuchte, den Wagenheber an passender Stelle anzusetzen – und dabei überall nur im Bodenteppich landete, weil darunter kein Blech mehr vorhanden gewesen ist. Wir haben das dann mit einer Palette behoben, die wir flächig unter den VW Motor geschoben haben. Der Wagen fand bald danach ein gnädiges Ende. Porsche war schon damals ein geflügeltes Wort, allerdings trugen Rost Engelein häufig schnell die verwegenen Träume fort, denn der Wagen lebte nur volle 12 Jahre.

Wir schrieben das Jahr 1971, als ich den großväterlichen Betrieb verkaufte, weil Schlachterkleidung damals bereits als Konfektion erhältlich und nicht mehr mühsam als OneOff den stabilen Bäuchen angepaßt, teuer zusammen genäht werden mußte. Die Zeit war weitergegangen, 20-26 Mitarbeiter zu ernähren, war nicht mehr möglich, das hatte ich recht schnell begriffen. Ich habe den Erlös in Lebensversicherungen für meine Mutter eingetauscht. Sie verlieh mir damals meinen ersten Ritterschlag und meinte, dass sich die Ausbildung für mich nun final gelohnt habe.

Ein paar Jahre als Exporthandelsvertreter für ein Bremer Haus habe ich in Hamburg dann Maschinen, Anlagen, Werkzeuge und DAM Angelgeräte weltweit verkauft. Hingegen war es nicht die Erfüllung so vieler meiner Träume, die zu aller erst mit völliger Unabhängigkeit zusammen hingen, ich arbeitete zwar allein, aber an langer Leine der Direktion in Bremen, ein ständig doofes Feeling, jedenfalls nix für mich, auch wenn ich offenbar zur vollen Zufriedenheit für den Cheffe meine Vorgaben stets erfüllte.

DAS STUDIUM
Es ergab sich wie von selbst, dass ich in 1973 dann ein BWL Studium in Hamburg begann, Bafög hieß damals ein frisch erfundenes geflügeltes Wort. Aufgrund meiner Berufspraxis absolvierte ich ein Luxusstudium, denn ich erhielt Förderung in solider 4-stelliger Höhe, weil ich zuvor ein tolles Gehalt bezogen hatte, dass für die Berechnungen herangezogen worden ist. Unser damaliger BWL Prof. Pegelow liebte es, während der Vorlesungen von seinen Segelerlebnissen mit seiner Kormoran Jolle zu erzählen, bemerkte, dass ich auch ein SegelHeini war und fragte bei passender Gelegenheit angelegentlich und recht jovial, welches Boot ich den wohl segelte. Nun, ich hatte damals bereits eine stattliche Yawl und machte den Fehler, dies offen zu bekennen. Wie kommt es nur, dass ich danach nie mehr das Gefühl losgeworden bin, dass mein Schiff dem Mann einfach nicht in sein Selbstverständnis passte – meine Zensuren haben sich bei ihm jedenfalls nie mehr vollständig erholt.

Das Studium war eine schicke Zeit, weil wir dieselbe in Hülle und Fülle zur Verfügung hatten, mein Hund Max und ich. Max Förthmann war eine Kanaillie und mein ständiger Begleiter. Er bewachte meinen Wagen, wenn sein Cheffe die Schulbank drückte. Im Winter saß er sogar mit im Gebäude, hielt normalerweise die Klappe, aber dafür gab es keine Garantie. Er war in der Uni jedenfalls – obwohl schwarz – wie ein bunter Hund, überall bestens bekannt. Mein Hund hatte Ähnlichkeiten mit seinem Herrn, beide waren wuschelig und ungekämmt und in der Regel ziemlich ungehemmt, wenn es drum ging, Standpunkte mit Verve zu vertreten. Beim Köter äusserte sich dies in ausgedehnten nächtlichen Streifzügen in Hamburg Berne, von denen er sichtbar erschöpft am Ende wieder nach Hause kam um dann, mit letzter Kraft, völlig erschlafft, tagelang das Sofa zu blockieren. Beim Herrchen war eher der zivilisierte Deckel drauf. Kurz, das Leben ging seinen ganz normalen turbulenten Lauf!

Der Hund wurde später zum Scheidungskind, der auch Zeiten bei meiner Ex zu verbringen hatte. Von meinem Nachfolger in eben jenem Zuhause, das wir unter meiner Ägide damals besetzt. Der Arme wurde jedenfalls von meinem Nachfolger dann aus dem Schlafzimmer ins Treppenhaus versetzt. Für einen Hund mit jahrelangen Privilegien war es schon ein herber Schlag, vom angestammten Platz im Schlafzimmer, nun auf den kalten Terrazzo Fussboden geworfen zu werden. Der Bursche hat das Problem auf seine ihm eigene besondere Art erledigt: verbannt hinter der Küchentür, um seine nächtlichen Proteste weniger laut zu hören, hat er dann einen gepflegten Haufen direkt hinter die Tür auf das kalte Tarrazzo plaziert. Als dann zur morgentlichen Begrüssung die Tür mit Schwung geöffnet wurde, war die Folge eine respektable Glitschmine, auf der die Cheffin und mein Nachfolger im ehemals ehelichen Etablissement, ausgerutscht sind – so die ungefähre, dem Inhalt nach wahre Geschichte. Jedenfalls hat das an der Psyche so arg geschundene Wauwilein anschließend dann seinen angestammten Platz am Fussende wieder einnehmen können bzw. dürfen – wie ich vermute, hat er sich dort sicherlich später arg gewundert!

Für das Segeln und andere Abenteuer hatte ich jedenfalls damals immer eine Menge Zeit.
Es ergab sich hingegen spielerisch, dass ich für Peter Deichgräber, dem damaligen FISHER YACHTEN IMPORTEUR, zur echten Hand avancieren sollte. Er bewunderte kolossal, als ich bei meiner SY LILOFEE beide Masten einhand stellte. Er bot mir einen fairen Deal an, den ich sofort und gern ergriff. Zudem segelte ich viel mit PETER SCHWEER auf Regatten und war beteiligt an etlichen YACHT TESTS, die wir gemeinsam in La Rochelle erledigt haben.

Wahre Freiheit fängt stets bei der Zeiteinteilung an! Ein Glückspilz, wer sein Hobby zum Beruf machen kann. Mir ist das bereits früh gelungen und ich habe die Schattenseiten der Selbstständigkeit gern ertragen, mich bis heute nie beklagt!

Es kam, wie es kommen mußte, man mag es Schicksal nennen, ich nenne es vielmehr jederzeitige Bereitschaft für neue Abenteuer, neue Herausforderungen, zu Entscheidungen, die man lernen kann – wenn man offen dafür ist.

Die Zäsur in meinem Leben erfolgte an jenem Tag, als ich meine Stahl Yawl zum Verkauf inserierte!

Es war der Beginn einer neuen Ära, über die ich bald berichten werde
verspricht

Peter Foerthmann

Ein Kommentar zu 1966 – 1976

  1. Ilka Stachowski sagt:

    Hi, Peter, durch Silke auf deine Tätigkeit aufmerksam gemacht, las ich deine Seite mit Interesse und auch Schmunzeln! Du hast ja Tolles aus deinem Leben gemacht. Zu bewundern! Dass ich auch die Ehre habe in deinem Blog sogar bildlich zu erscheinen, macht mich richtig stolz! Nur um bei der Wahrheit zu bleiben:meine Eltern waren niemals katholisch, nur einfach sehr prüde. Und zum Glück habe ich auch nie die Schule wechseln müssen! Das rosa Auto kam mir wieder in Erinnerung und ich weiß noch wie peinlich ich es damal wirklich fand!
    Wünsche dir weiterhin alles Gute und viel Erfolg im Leben.Liebe Grüße von Ilka

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