Andreas Tietzsch

ANGEKOMMEN IN DER ALTEN WELT – RESÜMEE EINER ATLANTIK RUNDE

Der Dialog mit den Seglern ist das Salz in meiner Lebenssuppe. Ich sehe das Thema Heckverzierung als meine Pflichtübung, wohingegen die Kür dann zur interessanteren Frage wird, weil sie Millionen Antworten bereithalten kann, wenn man die Fragen erst gestellt.

Andreas Tietzsch habe ich an der Schlei im malerischen Hafen von Fleckeby kennen gelernt und ihn sodann in Gedanken auf seiner strammen Rundreise über 10.000 sm begleitet, über ihn gebloggt. Nach seiner Rückkehr habe ich dann meine Fragen vom Stapel gelassen, einen Dialog, den ich hier in Teilen wiedergebe.

ANDREAS

Das Ankommen in der „alten Welt“ hatte ich mir auch anders vorgestellt. Sofort würde man wieder in die täglichen Pflichten eingenordet – da merkt man schnell, wie schön ein so langer Segeltörn sein kann. Vielleicht schleppt man viel zu viel Ballast in seinem täglichen Ablauf mit sich herum. Daraus ergeben sich Pflichten und Aufgaben, die einem viel Zeit klauen.

Man merkt jetzt erst wirklich, mit wie wenig man auskommen kann. Natürlich sprechen wir hier von einem hohen Niveau, wenn man ein dichtes, seefestes und gut ausgerüstetes Boot im Rücken hat.

Auf der Tour habe ich viele Aussteiger kennen gelernt, deren Mut ich bewundere, der normalen (bürgerlichen) Welt einfach zu entfliehen.

Eingenommen von so vielen Aufgaben (Haus,Hof,Kinder,Familie,Tod von 2 Schwestern, renovieren von 2 Studentenwohnungen, Steuererklärung, Vereinsarbeit usw.) habe ich es noch nicht mal geschafft, den Bericht der Segeletappe in den Blog einzupflegen.

Bin jetzt noch in Nordwijk/Holland, um bei unseren Kindern Flagge zu zeigen, die hier an der EM teilnehmen.
Ich melde mich bald!
Liebe Grüße
Andreas

PETER

Danke Andreas. Du hast mein volles Verständnis, denn mir ist bewusst, welch Lebensumbruch es bedeutet, sich für ein Jahre hinaus zu zoomen aus den Alltagspflichten, um hinterher im sozialen Netz wieder „seinen“ Platz einzunehmen, sich all der Vorwürfe zu widersetzen, warum wieso weshalb man es gewagt, sich diese persönliche Auszeit „einfach zu nehmen“ :

Der Unterschied zwischen Theorie und der Lebensrealität. Das ist stets starker Tobak und Deine Bemerkungen zu den Menschen, die Du unterwegs getroffen hast, gehen ins Schwarze!

Anstatt schnöder Fakten, sind exakt Deine Erkenntnisse für mich interessant: ehrlich, authentisch und brutal offen, eben nicht die Sicht eines Blauwasserseglers, der das Erlebte durch das rosarote Sieb eigenen Größenwahns, oder für einen Verlag, der das Erlebte als Buchform attraktiv gestalten und verkaufen will – niederzuschreiben. Hardcore und aus dem realen Leben. Logisch, dass auch deine Mitsegler hier aus ganz individuellen Gründen heraus, Dich auf deiner Reise begleitet haben …
herzlich aus der Werkstatt
Peter

ANDREAS

Moin Peter, da die Vorweihnachtszeit wieder mal sehr ausgefüllt war und die Weihnachtstage selbst für die Familie belegt waren, kommen ich erst jetzt zum Schreiben.

Ein wenig zurückblickend, waren 2016/2017 doch für mich besondere Jahre, geprägt durch die Erfüllung eines meiner Segelträume.

Ab Dezember 2016 in der Karibik war das mal ein Jahr ohne Winter. Vier Monate Zeit zu haben, um durch ein Inselwelt zu segeln, war schon ein Traum. Aber nicht alles, was wir sahen, passte in das Klischee, das wir von dieser Gegend und den Bewohnern haben. Doch trotz der vielfältigen Probleme haben sie die Einstellung zur Leichtigkeit des Lebens nicht verloren. Entgegen diverser Vorwarnungen (Diebstahl, Piraterie und Mord) haben wir nur nette freundliche Menschen erlebt. Wanderungen durch die beeindruckenden Regenwälder, die angenehme Wärme, den immer blauen Himmel und Sonnenschein haben wir genossen.

So schön alles war und man lange darauf hin gefiebert hatte die Karibik zu erleben, so vermisste man doch unsere 4 Jahreszeiten und besonders vieles von unserem vielfältigen Lebensmittelangebot, das wir ab den Azoren dann wieder genießen konnten.

Ab Juli wieder in heimischen Gefilden versuchte mich der „alte“ Alltag wieder ein zu holen. Vieles war in meiner fast einjährigen Abwesenheit angefallen, was aufgearbeitet werden wollte. So verlief das 2. Halbjahr sehr eng verplant. Nicht alles ist erledigt, aber es gibt ja noch ein Jahr 2018!

DER BLICKWINKEL AUFS LEBEN HAT SICH GEÄNDERT
Doch etwas ist geblieben – ein anderer Blickwinkel auf unser Leben.
Auch wenn es uns hier gut geht und wir eigentlich keinen Grund zum Klagen haben, sind wir doch gefangen in vielen Alltäglichkeiten. Schafft man es, diesen mit mehr Gelassenheit entgegen zu gehen, hat man ein Stückchen mehr Freiheit erlangt!

So wünsche ich einen angenehmen 2. Weihnachtstag/-abend und alles Gute für das Neue Jahr. Vielleicht findet man auch ein wenig mehr Gelassenheit und Freiheit.
Grüße
Andreas

PETER

Moin Andreas, herzlichen Dank, ich fühle mit, genauer: ich kenne diese Stimmungen bei Menschen exakt, bei Menschen, die ein schönes Erlebnis haben schlürfen – oder dürfen – können und hernach wieder sich in einen Alltag hineinversetzen – müssen – der ihnen fortan gehörig Gedankenfutter gibt.

Sei versichert: Du schuldest mir NIX – auch keine Fotos – denn wir sind hier kein altes Ehepaar, bei dem die Dinge exakt so verlaufen: dass nämlich Vorwürfe, Verpflichtungen, Verantwortungen verschoben, angehäuft werden, bis die Birne platzt, wobei gehörige Kollateralschäden dann die Folge sind.

Aber: es sind exakte Deine Wahrnehmungen, die mich interessieren, die ich wunderbar zwischen den Zeilen herauslesen kann – darin bin ich Spezialist! – weil diese Info erheblich vernachlässigt wird – weil meist nur die Erfolge zählen, und viele Menschen gedanklich wieder in ihr Hamsterrad gezwungen werden, weil ansonsten der latente Neid anderer Menschen, hier Folgen – oder Schaden? – anrichten könnte. Was zu verhindern ist.

Insbesondere im kleinen sozialen Umfeld – der Familie – wird hier vielfach Geschirr zerschlagen, wobei die Gründe weder diffizil, noch verborgen liegen. Es ist ein Eiertanz eines Delinquenten – also Heimkehrers – die Balance wieder sensibel herzustellen und seinen Platz mit gewohnten Verantwortlichkeiten wieder zu füllen, damit die anderen auch wieder in ihren gewohnten Trott – zurück? – fallen können.

Denn, nicht wahr: an diesen Nahtstellen von Beziehungen und sozialem Umgang, entscheidet sich die wahre Grösse von Menschen – die meisten zeigen dabei nur ein hässliches Gesicht.

Und ich habe Dich als einen Mann besonderer Prägung kennen gelernt, der diese Herausforderung mit Umsicht erledigen kann.

herzlich aus Hamburg
Peter

ANDREAS

Moin Peter, man steht nicht alleine mit seinen Gedanken und Empfindungen. Gerne darfst du meine weiter tragen und natürlich auch unter meinem Namen. Auch meinen Blog möchte ich noch weiter mit Fakten und Gedanken ergänzen. Ob das später noch jemand ließt oder verwertbar ist, bleibt natürlich offen. Das ist in dieser schnelllebigen Zeit nun mal so. Außerdem ist man nur einer unter vielen, die sowas unternehmen bzw. erleben.
Euch einen angenehmen Übergang in das neue Jahr
Andreas

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