Helmut Siebrecht

ICH BIN WIEDER HIER – HIER IN MEINEM REVIER

Kerstin und Helmut haben den Song von Marius-Müller-Westernhagen in Ihrem Repertoire.

Ein Revierwechsel der kapitalen Art, der es in sich hat. Während einer Reise, die 18 Jahre gedauert hat, in deren Verlauf 55 Länder angelaufen, besucht und wieder verlassen wurden, was die Länder Perlen Kette hat 85.000 Seemeilen lang werden lassen, wurde die LOP TO immer schwerer, weil nicht nur Lebenserinnerungen wiegen, sondern die Mitbringsel auch die Spanten nach aussen biegen, sodass die Fische am Ende den Wasserpass ablecken konnten, der besser Fischpass heissen sollte, weil er sich über die Jahre zunehmend immer tiefer unter Wasser versteckte.

Jedenfalls haben Kerstin und Helmut, von Brasilien kommend, eine Reise der Gegensätze absolviert. Nach einem 9.000 SM Non-Stop-Schluck aus der See-Meilen-Pulle bis nach HORTA, wurde anschliessend Zick Zack gesegelt, dass man beim Verfolgen der AIS Sígnale hätte schwindelig werden können.

Statt Falmouth wurde Cherbourg auf´s Korn genommen, eine landschaftliche Alternative, auf die keiner gekommen wäre, verursacht aus den Tiefes des Maschinenraums, weil dort hin und wieder die grosse Ruhe herrschte, was an Deck die Nerven durcheinander brachte, die durch Regen ohnehin angespannt waren. Immerhin sind im Franzosenland die Baguette eine leckere Entschädigung.

GEBURTSSTADT MAKKUM
Helmut:

Vor 35 Jahren hat hier LOP TO das Licht der Welt erblickt. Jetzt ist sie wieder hier. Bloemsma Baunummer 52. Schon von weitem sehen wir eine der Produktionshallen der Werft. Die inzwischen leider den Besitzer gewechselt hat. Kleine Stahlschiffe werden hier schon lange nicht mehr gebaut. Die Bloemsma Werft von heute baut Aluyachten. 40, 50, 60 Meter lang. Eine andere Zeit, eine andere Welt.

Wir biegen vom Hauptfahrwasser in einen Seitenkanal. LOP TO’s Geburtsadresse ist edel. De Vries, Feadship, Royal Huisman, Bestevar. Vieles was heute fuer exclusiven Aluyachtbau steht, kommt aus diesem kleinen Kanal in Makkum.

Ganz am Ende vom Kanal liegt das Werftgelaende von Alubouw b.v.. Und diese Werft gehoert Freddy Bloemsma, dem Sohn von LOP TO’s Erbauer. Freddy und seine Frau freuen sich sehr ueber unseren Besuch. Lange sitzen wir zusammen unter Deck. Freddy sagt, das er vermutlich schon einmal auf Lop To’s Deck gestanden hat. Als Teenager, vor 35 Jahren. Und er bedauert sehr, das sein Vater nicht mehr lebt. „Der haette sich sehr ueber euren Besuch und die Geschichte von Baunummer 52 gefreut“ sagt Freddy.

VERTRAUEN ZUM SCHIFF

Wir erzaehlen ein bisschen von unserer Reise und sagen vor allem Danke. Danke fuer das beste Schiff von allen, das uns so viele Jahre problemlos um die Welt gesegelt hat.
“ Ja“, sagt Freddy, der selbst drei Jahre mit seiner Familie und Segelboot unterwegs gewesen ist, „das ist wohl das Wichtigste, bei dem was ihr macht. Man muss seinem Schiff vertrauen koennen“.
Der Mann weiss wovon er redet. Schoen ist das. Hatten wir doch im Vorfeld ab und an Zweifel, ob es so einfach und unkompliziert bleibt, neue Menschen kennen zu lernen und Freundschaften zu schliessen.

Wir sind verwoehnt, Blauwassersegeln macht dies einfach. Und wir sind Norddeutsche. In Norddeutschland kann man schon mal jahrelang nebeneinander in der Box liegen, ohne den Namen der Nachbarn zu kennen …

NORDSEE IST KEINE MORDSEE
Auf der Nordsee herrschte Spiegel-Ei-Wetter, fast wie auf dem Bodensee, kaum ein Lüftchen störte die unheimliche Stille und Idylle, sodass der heroische Entschluss gefasst wird, rechts ab zu biegen und Lop To´s Kiel durch die holländischen Kanäle zu schieben … bis zum Steckenbleiben kurz vor Leeuwarden … man dann also wieder rückwärts fahren musste, um das Ganze noch Mal aussen rum zu wagen.

HELGOLÄNDER TIEFEN CHARME
Helmut:

Am naechsten Morgen geht es zum Hafenmeister. Schild beachten: ‚Hafengeld ist Bringeschuld und umgehend zu entrichten! LOP TO ist noch im Computer gespeichert. „Ah ja, die Segelyacht Lop To aus Kappeln. Skipper und Eigner Siebrecht, Helmut“ „Haben sie das noch im System?“ „Ja, sie waren 1999 ja schon mal hier“ „Ja, da hat LOP TO hier zur Weltumsegelung abgelegt, gestern sind wir zurueck gekommen“ „Ach ja? Macht 37, 80 Euro. Bar keine Kartenzahlung“. Helgolaender Tiefen Charme eben.

LOP TO macht es uns hierbei natuerlich auch einfach. Sie sieht anders aus, als ihre reinweissen Plastikkollegen. Der sprichwoertliche bunte Hund. Leider inzwischen auch unter Wasser.

Mit Erreichen Frankreichs scheint unser Antifouling der Meinung gewesen zu sein, es haette genug zur Reise beigetragen. Es hat sich der franzoesischen Streikkultur angeschlossen und umgehend die Arbeit eingestellt. Wer will es ihm verdenken, das letztemal an Land stand LOP TO in Kapstadt. Nun muss es bis Kappeln mit langem, gruenen Bart gehen. Zum Tauchen kann sich keiner von uns beiden durchringen. Nicht in diesem Hafenwasser, nicht bei diesen Temperaturen.

DIE ZEITSCHRIFT YACHT ALS SEHNSUCHTSZIEL?
Über ein Treffen mit einem Segler auf grossem Schiff mit noch grösseren Träumen: Helmut:

Komisch, dass bei manchen Seglern der Artikel ueber die eigenen Abenteuer noch vor dem Lossegeln kommt. Dabei duerfte der Mann es, auch wenn er denn irgendwann wirklich ‚los macht‘, ausgesprochen schwer haben mit der YACHT. Er sah nicht aus wie Nike Steiger. Und hatte auch nicht ihre Figur.

Ughhu, der Satz ist Shitstorm geeignet.

Ja, das was Nike macht, ist mutig, ohne Frage. Manchmal ist es auch naiv. Aber sie hat den Mut, auch das zu zeigen. Auch dafuer unseren Respekt. Aber genau genommen macht sie nichts anderes, als viele, viele andere da draussen auch. Wir goennen ihr jeden Cent, den sie sich mit der Dokumentation ihres Segelabenteuers erarbeitet. Und dass in Blog und Videotagebuch viel Arbeit steckt wissen wir. Nike vermarktet ihre Geschichte eben perfekt.

Trotzdem, mal ganz ganz ehrlich – waere eine Nike mit Pickeln, maennlich und Kleidergroesse 52 mit ihrer Geschichte aehnlich praesent in der Onlineausgabe eines deutschen Segelmagazin?

ANKUNFT KAPPELN Samstag, 16.09.2017 um 14.00 Uhr
Die letzten Reisetage nahmen einen denkwürdigen Verlauf, weil das Landleben mit langen Kraken Fingern von Kerstin und Helmut Besitz ergreifen sollte. Der Angriff kam online über Nacht: Bei EBAY wurde ein kleines Haus mit noch kleinerem Garten im Raum Flensburg angeboten. Also: Schiff in Rendsburg geparkt und angebunden – Auto Hire – los geflitzt – Haus erworben – zum Schiff zurück – weitergefahren. Plötzlich die Erkenntnis, dass Kappeln ja nun viel zu früh quer oder längs vorm Bug liegen würde, selbst wenn man die letzten Meilen rückwärts segeln würde. Also wurde das 56. Land in Angriff genommen: Dänemark, genauer Marstall, bereits Herbst verlassen, Lop To hätte quer am Steg anlegen können, hat sie aber nicht, Deutsche Benimm Strukturen noch nicht vergessen. Waschen, Duschen, Föhnen, Stylen – man wollte sich schliesslich den wartenden Besucher Massen im gleissendem Licht präsentieren.

Trotzdem noch zu früh – also DAMP – früher als 2000 apostrophiert – Traumlocation aller REHA gestressten Deutschen Arbeits Indianer, deren körperliche Hüllen nicht bis zur Pension durchgehalten haben, oder sonstwie repariert haben werden müssen – Damp also sollte es sein. Er ergab sich dann wie von selbst, dass in Maasholm der NDR in Form eines Kamera Fritzen sowie Mikrofon Halter an Bord zusteigen sollte, um die letzten verwegenen Meilen für den Gebührenzahler Sinn fällig zu dokumentieren. Ein Abenteuertörn dicht an Schleswigs Holsteins Wand entlang, schwupps rein in die Schlei und mit Rücken Strömung bis nach Kappeln, ganz ohne zu bremsen oder das Tiefolot zu missachten.

TRARA – die 14:00 Uhr Brücke geht auf und das vorerst letzte Anlegemanöver nimmt seinen dokumentierten Lauf. Es sollte ein besonders prächtiges Manöver werden, vor den Augen einer gewaltigen Menschenmenge, sämtlich überaus sachverständigen Publikums, das sich eisern mit Ratschlägen zurückgehalten hat, weil die Ehrfurcht vor dem Können derart weltweit erfahrener alter Hasen, dies ja von selbst verbietet. Das Problem: der Havarie Spargel – neudeutsch der KLÜVER – wollte und wollte nicht eingeparkt werden, weil die Strömung am anderen Schiffs Ende sich erfolgreich widersetzte, wobei sogar der Jahrzehnte alte Peekhaken im Schleiwasser verschwand. Quelle dommais!

Allerdings wurde die Menge vergleichsweise ruhig gehalten, weil der Vereins Chor ergriffen die Melodie von ROLLING HOME intonierte, derweil man den verlorenen Bootshaken dezent wieder aus dem Hafen fischen konnte.

ANKUNFT mit Sekt für alle, auch für das treue Schiff – auch für Lothar die Heckverzierung – Tränen, Freude, Bewunderung, Unglaube, Erkennen alter Freunde, manchmal nicht. Alles mit Chor und Akkordeon Untermalung, Helmut´s Rede, bei der der Schalk oben hinter den dauerhaft ungebändigten Haaren grinste, sodann das weinselige Bad in der Menge, die zum Glück nicht in die reissende Schlei gestolpert ist.

SEGLERPROMINENZ
In Cuxhaven hat man vermutlich einige Laken durch geheult, ob der Anzahl gestandener Blauwassersegler, mit denen man sich so gern geschmückt oder umgeben hätte, von denen etliche aus dem Verein ausgetreten sind.

URSULA + RAINER WOHL, die mit der zwischenzeitlich verkauften SV THULE um die Welt gesegelt sind

BEATE + DETLEV SCHMANDT, die mit der zwischenzeitlich verkauften SV KIRA VON CELLE 10 Jahre die Weltmeere unsicher gemacht haben

INGRID + TIMM PFEIFFER, die mit ihrer SV SONNENSCHEIN die Welt umsegelt haben

ELKE + WERNER NAGEL, deren SV NAJA derzeit in Kolumbien liegt, derweil sie in Deutschland sind, weil Werner für Wartungs- und Reparaturarbeiten an der Gesundheit sich in der Nähe der Götter in Weiss aufzuhalten hat.

Und nun warten wir alle gemeinsam, welche Geschichte das Staatsfernsehen nun zu Ehren der LOP TO produziert, welche Döntjes man dem Fernsehvolk aufzutischen denkt, und wieviel salzige Wahrheiten man den Zuschauern zu sagen sich traut, damit nicht ein Massen Exodus Deutscher Segler daraus wird … falls die Geschichte zu rosafarben ausfallen wird.

Für Kerstin und Helmut, die sich ihre so überaus trockene Sicht auf die Welt wohltuend erhalten haben, wird es ein Eintauchen in eine Neue Welt, die mit der Alten zumindest erst Mal nur die Sprache gemeinsam hat….

Ich wünsche Euch Beiden Gutes Gelingen … und dass möglichst auch in den kommenden 9000 Meilen nur eine Pfeffermühle zu Bruch gehen möge.

Peter, der LOTHAR, wie Ihr ihn benennt.

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