Peer Kunz

DIE STUNDE NULL AUF SEE
Planung und Durchführung einer Seereise legt im Kopf viele Schalter um, weil ansonsten aus der Reise garnix werden kann. In Bezug auf die Abläufe eines Lebens an Land, das in allen Lebensbereichen ganze Kerle – und Kerlinnen! – erfordert, bedeutet die Planung einer Seereise Reduktion in vielen Bereichen, die plötzlich unwichtig geworden sind.

Ich habe tausende Lebensgeschichten begleitet, in Stichworten resümiert, wie Leben verlaufen können, gesehen, wie sich etliche dabei verlaufen, verhaspeln oder den falschen Idealen hinterher gesegelt sind, oder begeistert erfahren, wie sich Geschichten wenden und Menschen sich verändern, weil sie das Leben auf See lieben lernen und dadurch einen anderen Blick auf das Leben an Land erfahren. Meist sind dies jahrelange Prozesse, die es sich lohnt, einmal genauer zu betrachten.

Selten sind es Veränderungen, die abrupt eintreten, die Menschen veranlassen, hart auf die Lebensbremse zu treten, um dann ein gänzlich neues Leben zu beginnen. Wie zum Beispiel bei PEER KUNZ. Seine Metamorphose zu seinem SECOND LIFE möchte ich hier mit seinen eigenen Worten wiedergeben, weil nachzulesen ist, wie schonungslos ehrlich er sein Leben in neue Bahnen lenkt, indem er Ursache und Wirkung seines bisherigen Lebens Verständnisses … offen für jedermann … niederschreibt. Dies ist nur mit Grösse möglich. Peer und Christine sind im Mai 2017 aus dem Hamsterrad ausgestiegen, haben Deutschland auf ihrer Comfortina 32 verlassen und befinden sich zwischenzeitlich in Gibraltar.

Mein Name ist Peer und ich bin 43 Jahre alt (Stand 2017).
Es ist gar nicht so einfach, wenn als Überschrift „über mich“ steht, die passenden Worte zu finden – zumal ich diese Zeilen in einer Klinik verfasse, die sich eher auf psychische als auf physische Behandlungen spezialisiert hat. Aber genau das ist einer der Punkte, auf die ich im Laufe der Reise sensibilisieren möchte. Die Auseinandersetzung mit aufkommenden Fragen, die sich sicherlich ein Großteil von Euch auch schon einmal gestellt hat: „darf ich das?“, „darf es mir gut gehen“?

Aufgewachsen in einem sehr leistungsorientierten Umfeld, versuchte ich von Kindesbeinen an, meinen Weg zu finden. Eigentlich sehr mühsam, wenn ein kleiner Mensch um Anerkennung und Zuneigung kämpfen muss, indem ausschließlich nachweisliche Erfolge, beispielsweise im Sport, mit der erhofften Aufmerksamkeit belohnt wird. Das erforschen von eigenen Interessen wurde mir schon früh abgenommen. Auch die Entscheidung, ob Wehrpflicht oder nicht- nahm der Vater mir ab. Es war eigentlich nie die Frage „ob“ ich zur Bundeswehr gehen soll, sondern wie und wie lange. Der Auftrag meines Vaters war, dass ich ein „Offizier“ werden sollte. Dem bin ich diskussionslos gefolgt und verpflichtete mich für zwei Jahre als Reserveoffiziersanwärter. Dummerweise hatte ich die Frage der Soldaten in der freiwilligen Annahmestelle Nord (Heide Holstein) nach dem „wohin“ geografisch verstanden (die meinten wohl eher die Truppengattung) und so befürwortete ich den Einsatz in einer Großstadt – Hamburg. Die Würfel für die kommenden 24 Monaten waren gefallen- ich durfte zu den Panzergrenadieren. Der alte Herr war zufrieden.

Nach der Zeit in oliv (so war es damals noch), galt es neue Herausforderungen zu finden. Auch hier war die Suche nicht nach Beschäftigungen, die meinen Neigungen oder Talenten entsprachen gesteuert. Es ging eher darum, wie ich möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen kann. Die Zeiten, während ich nach Anerkennung kämpfte, indem ich im Sport die vorderen Plätze belegt habe, war vorüber. Jetzt galt es durch Gehälter und daraus resultierende Statussymbole, wie große Autos oder teure Uhren, meinen vermeintlichen Persönlichkeitswert zu erhöhen. Einige Zufälle und später auch mein Entschluss, führten mich in den Bereich der Immobilien. Ein passender Schlüssel zum Erfolg war hier: „sicheres Auftreten bei absoluter Ahnungslosigkeit“! Diese Disziplin beherrschte ich recht gut und einige Unternehmen und Headhunter (was für ein blöder Begriff) wurden rasch auf mich aufmerksam. Vorausgegangen waren eine Ausbildung zum „Kaufmann der Immobilienwirtschaft“ und ein BWL-Studium. In relativ jungen Jahren bekam ich einen Arbeitsvertrag in einem amerikanischen Konzern. Eine bessere Plattform hätte ich mir damals nicht wünschen können.

Von Ehrgeiz und Fleiß besessen, arbeitete ich deutlich über meine persönlichen Grenzen hinaus. Mir war ansatzweise schon klar, dass ich keine überdurchschnittliche Begabungen hatte, auch verfügte ich nicht über herausragende Intelligenz – da gab es sicherlich andere Menschen, die solch einem Job besser gewachsen waren als ich. Anzeichen von Überforderung oder Erschöpfung ignorierte ich anfangs erfolgreich. Im Verlauf der weiteren Jahre versuchte ich durch die Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten meine Leistungsgrenzen heraufzusetzen- zur Nacht hin musste dieser Leistungsschub wiederum mit Medikamenten gedrosselt werden. Einige kennen diesen Konsum sicherlich unter dem Begriff „Uppers“ und „Downers“. Während dieser Lebensphase habe ich mich von damaligen Freunden und sogar von der eigenen Familie mehr und mehr entfernt. Dieser Prozess verlief eher schleichend. Die eigene Positionierung in der Gesellschaft versuchte ich ausschließlich an materiellen Dingen festzumachen. Nach dem Motto: „mein Haus, mein Wagen, mein Boot“! Der Geltungszwang durchzog sich in alle Bereiche. Auf einer Party wusste jeder innerhalb kurzer Zeit, was ich alles hatte – so im Keller war das eigene Selbstwertgefühl. Auch habe ich im Laufe des damaligen Berufsleben bestimmt vielen Menschen vor den Kopf gestoßen, meine eigenen Vorteile zu Lasten anderer ausgebaut und Schwächen von Mitarbeitern ausgenutzt. Zusammengefasst würde ich heute sagen, dass folgende Beschreibung meiner Person wohl am ehesten gepasst hätte: ein arrogantes, narzisstisches Arschloch!

Dieser Lebenswandel funktionierte erstaunlicherweise (unglaublich was der Körper alles aushält) einige Jahre ohne größere Zwischenfälle – zumindest habe ich diese nicht bemerkt oder nicht bemerken wollen. Im Jahre 2012 war dann abrupt Schluss. Auf die genauen Geschehnisse möchte ich hier nicht näher eingehen, nicht umsonst aber trägt unser Schiff den Namen „Second Life“.

Nach dem ersten Klinikaufenthalt 2012 begann eine beschwerliche Zeit- wahrscheinlich die schwierigste Zeit in meinem bisherigen Leben. Verlustängste, Existenzängste, Schuldgefühle, Minderwertigkeitskomplexe das eigene „downgrading“ aber vor allem die unausweichliche Aufgabe sich mit sich selbst zu beschäftigen, bescherten mir viele Rückschläge. Die Selbstreflexion anzunehmen ohne Fluchtwege in die Arbeit, Karriereausbau oder Selbstbeweihräucherung einzuschlagen, entpuppte sich als Mammutaufgabe. Zugern wäre ich wieder in die alten Mustern geflüchtet- die waren zumindest bekannt und berechenbar.

Auch der jetzige Schritt, die Leinen loszuwerfen und einer unbekannten Zukunft entgegen zu segeln ist nicht einfach. Keiner kann sagen oder absehen, welche Herausforderungen oder Schwierigkeiten zu bewältigen sind. Bei aller Planung bleibt ein gewisses Risiko ist immer allgegenwärtig. Ausgetretene Pfade werden verlassen, ein Pannensstreifen ist nicht vorhanden. Das eigene, aktive Handeln entscheidet über den weiteren Verlauf der Reise. Wie oft habe ich mir eingeredet, ich sei unersetzlich – weit gefehlt… Die See „erdet“, die See erweckt das – für viele Menschen verlorene – Gefühl von Demut. Es geht nur mit ihr, nicht gegen sie.

Was mir nach einiger Zeit persönlich geholfen hat, ist der offene Umgang mit der eigenen Situation. Aus diesem Grund fällt es mir auch relativ leicht, diese offenen Zeilen zu verfassen. Der bevorstehende Törn soll mir die Möglichkeit geben, wieder „frei“ zu handeln, Verantwortlichkeit für mich selbst neu zu erlernen, mich unangenehmen Situationen zu stellen und für die kleinen Dinge des Lebens zu sensibilisieren.

Es würde mich wirklich freuen, wenn ich den einen oder anderen Leser dazu bewegen könnte, eigene Verhaltensweisen zu hinterfragen und ein mögliches „Hamsterrad“ auch mal nüchtern von außen oder aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Die Reise ist auch für uns ein Sprung ins Ungewisse und mit Sicherheit verläuft einiges anders als wir es geplant oder gedacht hätten.
Wir freuen uns, wenn Du Lust hast, ein kleiner Teil dieses Abenteuers zu werden und uns begleiten magst!

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