Wasserbremsen

ES MÜSSEN NICHT IMMER BALKEN SEIN

Es gibt Fakten und Zahlen, für die wir uns ungern interessieren, die wir lieber verdrängen, anstatt sie in unseren Kopf reinzulassen, vermutlich, weil sie uns ansonsten zu sehr erschrecken würden? Die Zahl weltweit auf See verlorener Container z.B. liegt im Bereich vieler tausende, wobei die tatsächlichen Zahlen um ein Vielfaches höher zu vermuten sind. Ein Roulette der besonderen Art? Sollen wir uns trösten, dass diese Boxen voller Überraschungen vielleicht das Weite in der Tiefe suchen – oder wollen wir Gedanken zulassen, dass sie als Halbtaucher an der Oberfläche lauern, weil sie durch ihre Inhalte – z.B. durch den Auftrieb von Verpackungsmitteln – zuverlässig am Sinken gehindert werden? Sollten wir sie vielleicht schwimmende Balken nennen?

Selbst auf die Gefahr hin, dass man mich hier als einen ewig gestrigen Segler Fritzen stigmatisierte, der einigen Entwicklungen im Yachtbau gegenüber verschlossen ist, so wage ich hier eine virtuelle – wenngleich klare Trennlinie – zu ziehen, wenn ich zwischen SPASS und ERNST beim Segeln differenziere.


Ein Thema, dass die Tür zum Horizont eröffnet, weil man subito zwischen RACEN und CRUISEN zu differenzieren hätte. Denn, nicht wahr, wenn heute nur noch Rekorde zählen, weil anders die CEOS grosser Sponsoren nicht mehr zur Kasse zu locken sind, und die Aufmerksamkeitsspanne virtueller Race Teilnehmer auf den Sofas dieser Welt, der einer Drosophila melanogaster nahe kommt, jedenfalls, wenn ein Round The World Race länger als einige Dutzend Tage dauert, dann haben wir hier eine Gemengelage, die ungewöhnliche Entscheidungen erzwingt und bald ein Wortwechsel denkbar wird, der z.B. neulich bei VESTAS an Bord, sich hätte wie folgt abspielen können: „Oohpps, war das eben ein Balken? Nein, es handelte sich wohl nur um ein Fischerboot – dumm gelaufen, wenn es beim Überfahren bedauerlicher Weise Tote gegeben hat – es gilt Stillschweigen vereinbart – die Rechtsabteilung übernimmt – die Yacht wird logistisch zum nächsten Hafen expediert – dort mit neuen Bauteilen für die Weitersause repariert. Die Show geht weiter, der Sponsor hat schließlich Vorkasse bezahlt. Ein Szenario von heute.

Beim CRUISEN wird die Trennlinie differenter, weil Werften ihre Produkte für serielle Fertigung zu planen und zu kalkulieren haben, wobei Natur gemäß Blauwassersegler mit entfernten Zielen nur eine kleinere Rolle spielen.


Alleinstellungsmerkmale haben möglichst umfangreiche Zielgruppen abzudecken, die man mit Platz, Bequemlichkeit und vor allem Performance Potential wunderbar locken kann, vor allem, wenn bei weiblichen Regierungszentralen darüber entschieden wird, ob sie überhaupt an Bord zu locken sind – oder bitte lieber doch nicht. Der Kompromiss ist Mutter und Vater aller Überlegungen, wobei Beratung durchaus helfen kann, wenn sämtliche Optionen vergleichsweise ehrlich benannt werden.

Ein Messerundgang – alternativ Hafenrundgang – genügt, um graue Haare Büschel weise ausfallen zu lassen, wenn man zeitgleich in Betracht zieht, dass mit diesen so modernen Schiffen – im Marketing Sprech Performance Cruiser – weltweite Reise geplant und unternommen werden. Peanuts, wenn hier und dort Kiele abfallen, Ruder brechen, Schiffe verlustig gehen, oder ganze Flotten von wütenden Kreisverkehrswinden zusammengefegt und sodann geschichtet vernichtet werden. Natürliche Auslese? Konjunktur Programm, auf Kosten von Versicherungen? Segeln als Glücksspiel? Alles eine Sache des Standpunktes – oder besser der Aussicht Plattform.

MURPHIES LAW
KISS hilft immer und besagt alles, weil jeder weiss, dass Kompliziertes zu allererst in Stücke geht. Es ist eine Sache gesunden Verstandes, hier den richtigen Kompromiss zu finden, mit dem vor allem auch die eigene Frau einverstanden ist, nur für den Fall, dass sie sich hier interessierte!

Beispiel: wie wichtig wird angenehmes Leben auf See, oder gar die Ruhe unter Deck im Seegang, wenn mit einem „schnelleren“ Schiff zwar die Überfahrt um 24 Std abgekürzt, dabei allerdings ruhiges Schlafen kaum noch möglich ist? Schliesslich könnte man nach Ankunft im Hotel dann wieder in Ruhe ausschlafen und sich regenerieren!

Mein Credo: wenn Kompromisse besser bekannt und als solche benannt würden, wären Entscheidungen leichter zu treffen. Darum dieser Blog. Wenn Sie Schluckauf bekommen oder die Synapsen einen Hopser machen, wäre der Sinn dieser Zeilen garantiert. Dann machte es Sinn, nun weiterzulesen.

Quo vadis Bootsbau

WEICHE BALKEN
Das Meer ist voller Gegenstände, die mit Vorliebe Saildrive Antriebe und Ruder umarmen, sich Vorzugs weise zwischen Skeg und Ruder klemmen und am Heck von Anhängen, wie Wasser Generatoren, Ruder von Windsteueranlagen aufgesammelt werden. Es müssen keine Plastik Einkaufstaschen, Fischernetze oder Leinenreste sein, schon Seegrass kann hier Wirkung entfachen, insbesondere, wenn oder weil es in grossen Mengen daher geschwommen kommt.

Besonders betroffen derzeit die Segler auf der Blauwasser Route von den Kanaren oder Kap Verden gen Westen, wo die Sargasso See, die bekannt für umfangreiche Felder von Seegras sind, den gesunden Vortrieb einer Yacht vehement zu bremsen in der Lage sind.

Wie wohltuend der Gedanke, wenn auf Schiffen mit langem Kiel unmerklich jeglicher Unrat im Wasser mehr oder weniger sanft nach unten gedrückt, im Kielwasser dann – Hoppala – wieder zur Oberfläche steigen, wo die Sonne das Gras wieder wärmt und das Wachstum weitergehen kann? Ganz ohne sich in „Storchenbeinen“ von Schiffsanhängen zu verhaken?

Einen Langkieler bezeichne ich hier als selbstreinigend, wohingegen moderne Schiffe eher als Unrat Harken über die Meere segeln. Es mag nachdenklich stimmen, dass Skipper von Schiffen mit Balance Ruder natürlich kaum merken können, wieviel Seegras ein Ruder bereits „gesammelt“ hat, weil der Blick unter das Schiff nur unter Verrenkungen, oder gar nicht möglich ist.

WINDSTEUERSYSTEME
Wenn Ruderblätter von Pendelruder Systemen nicht über eine einstellbare Fixierung in der Rudergabel verfügen, stellt sich am Ende die Frage der Überlast, wenn sich ein Berg von Seegras angesammelt hat und das Ruder sich nicht irgendwann nach achtern verdreht. Starre Ruderachsen haben dann u.U. erhebliche Lasten zu tragen und können am Ende ihren eigentlichen Job – das Steuern einer Yacht – nur noch ungenügend erledigen – oder am Ende sogar brechen.

Interessanterweise visualisieren die Segler dies Problem immer erst, wenn Sie achtern dicke Seegras Büschel am Ruderschaft ihrer Windsteueranlage entdecken und werden in der Folge dann sensibilisiert, sich auch mal um die Situation rund um Ruder oder Saildrive zu kümmern.

MOTOR KÜHLWASSER
Last but not least sollte ich hier darauf hinweisen, dass Plastik Tüten jeder Art, oder auch Quallen, bei nur geringer Fahrt durchs Wasser – z.B. auf der Suche nach einem Liegeplatz – durch leichten Unterdruck im Kühlwasser Ansaugstutzen, diesen wasserdicht verschliessen können, was schnell zu Überhitzung führen kann. Abhilfe: Maschinen Stopp und Neustart, sodann zügiger Fahrtaufnahme durchs Wasser.


Das Segler Leben ist voller aufregender Momente, die man antizipieren sollte, wenn man Schäden am Schiff oder Nerven des Personals an Bord vermeiden möchte.

Weshalb ich hier unterwegs bin …
Peter Foerthmann

2 Kommentare zu Wasserbremsen

  1. David sagt:

    Ein traumhafter Artikel und voll ins Schwarze getroffen. Hut ab, Peter ! Da hast du dich echt mal wieder selbst uebertroffen.
    Deshalb lese ich seit Jahren jeden Blogeintrag von dir. Deine Art, zu schreiben, dein Gewerbe zu betreiben und deine Lebenseinstellung machen dich fuer mich zu einem Vorbild, einem Role-model sozusagen. Ich wuenschte, es gaebe viele mehr Menschen wie dich auf dieser grossen Welt.

    Zum Artikel sag‘ ich nur noch eines: Fischernetze ! … ueberall …. Fischernetze !!

  2. Joan sagt:

    Toller Artikel Peter, leider interessiert dies die Yachtindustrie kaum. Der moderne Mensch brauch ein schnelles Auto und ein schnelles Boot und vergisst wie schön es ist langsam über den Ozean zu segeln. Wenn man drüben ankommt wünscht man sich doch noch ein paar Tage stille, wie unsere 6-jährige Tochter kürz vor der Ankunft in Grenada meinte: Papa, können wir die Fahrt nicht ein paar Tage verlängern?

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